Notlügen - Schweigen statt Schwindeln

Flunkern, täuschen, die Unwahrheit sagen - laut britischen Experten lügt jeder Mensch rund 200 Mal am Tag. Müssen Lügen wirklich sein?

Frau Meier präsentiert im Büro ihre neue Bluse, die ihr wirklich gar nicht steht. Natürlich traut sich niemand in der Abteilung, ihr die Wahrheit zu sagen. "Das ist aber ein schönes Oberteil", "Die Farbe steht Dir gut" oder "Du solltest öfter Gelb tragen" sind stattdessen Antworten, die man ihr auf die Frage nach dem neuen Kleidungsstück gibt. Hätte jemand den Mut gehabt, Frau Meier zu sagen, dass sie eine schlechte Wahl getroffen hat, hätte der Haussegen wahrscheinlich schief gehangen. Waren die kleinen Lügen also berechtigt?

Diplomatische Notlüge - Lieber alternative Antworten als direktes Flunkern
Carolin Lüdemann, Business-Coach und Mitglied des Deutschen Knigge-Rats, findet den lockeren Umgang mit der Lüge bedenklich: "Eine höfliche Notlüge trägt sicherlich dazu bei, dass wir diplomatischer miteinander umgehen. Aber die Selbstverständlichkeit, mit der viele die Unwahrheit sagen, finde ich zweifelhaft." Wer sein Gegenüber nicht verprellen will, sollte besser nach alternativen Formulierungen suchen, statt direkt auf eine Lüge zurückzugreifen, so ihr Rat. Kinder seien in solchen Fällen viel kreativer. "Auf die Frage nach der Bluse hätten sie wahrscheinlich zurückgefragt, wo Frau Meier sie denn gekauft habe - und hätten damit einen Konflikt vermieden." Auch gar nichts zu sagen sei immer noch besser, als jemandem bewusst etwas vorzumachen, meint Carolin Lüdemann.

Besonders verbreitet sind die kleinen Unwahrheiten im Vorstellungsgespräch. "Hier sitzen sich oft Pinocchio und Baron Münchhausen gegenüber", so der Eindruck der Coach-Expertin. Denn beide Seiten wollen in dem Gespräch etwas erreichen: Der Personaler will sein Unternehmen im besten Licht präsentieren, der Bewerber seine Schwächen nicht verraten. Da wird schon mal übertrieben oder die Wahrheit ein bisschen überstrapaziert. "Kritisch wird es, wenn man wirklich Falsches erzählt, denn das fliegt mit Sicherheit auf", warnt Carolin Lüdemann. Als Folge sind beide Seiten unglücklich, denn sie haben etwas anderes erwartet, als sie letztlich bekommen haben - eine Trennung ist programmiert.

Lügner sind vergesslich
Noch gefährlicher wird es, wenn man sich in eine Notlüge vertieft, "denn seine Lügen kann man sich schlecht merken", so Lüdemann. Wird man Wochen später noch einmal auf seine - damals falschen - Aussagen angesprochen, verplappert man sich unter Umständen, und schon ist man als Lügner enttarnt. Besser ist es also, auf der sicheren Seite zu bleiben und mit dem Flunkern gar nicht erst anzufangen. Denn, wie schon der englische Schriftsteller und Philologe Samuel Butler sagte: "Der beste Lügner ist der, der mit den wenigsten Lügen am längsten auskommt."
 
Von Sabine Olschner