Nicht schön, aber praktisch

Seit ich als Kolumnistin schreibe, habe ich so einiges durchgeackert. Immer moralisch und politisch korrekt, meist am Puls der gesellschaftlichen Strömungen. Doch meine Themen, Image und Stil, habe ich ausgelassen. Denn hier verlasse ich das sichere Terrain der political correctness, bleibe aber weiterhin am Puls der gesellschaftlichen Strömung.

Die Imageberaterin, das unbekannte Wesen.
Wie ein Butterbrot zwei Seiten hat, um aufzuklatschen, habe ich zwei Reaktionen nach meinem beruflichen Outing. Nummer eins: "Ach, da haben Sie ja viel zu tun, wenn ich mich hier so umsehe".
Meist gefolgt von einem Nebensatz wie: "Ich habe so etwas Gott sei Dank nicht nötig". Die Nummer zwei ist mir die Liebste: "Kann man davon leben?"

Nun, es fängt schon damit an, dass immer diejenigen, die es am meisten nötig hätten, beratungsresistent sind. Zu 99,9 Prozent die Nebensatzsager. Und somit komme ich zur Beantwortung der zweiten Frage: "Ja, ich wäre sogar stinkreich, wenn die zu mir kämen, die es bräuchten".

Stil ist niemals praktisch
Nun sind Sie bestens vorbereitet auf den neuen Wind, den ich in meine Kolumne bringen werde.
Nicht immer schön, aber hoffentlich oft schön amüsant. Mein absolutes Lieblingsthema ist das praktische Einkaufen. Wer praktisch einkauft, der ist naturgemäß danach praktisch eingerichtet und selbstverständlich auch praktisch eingekleidet. Bei einem Garderobencheck halte ich dann die meist hässlichen Teile mit zwei Fingern hoch und auf meine Frage, was das solle, bekomme ich so gut wie immer zu hören: "Ja, aber das ist so schön praktisch".

Schön praktisch, wenn ich das schon höre. Hallo, aufwachen! Ich bin gebucht worden, um Stil in die Bude zu bringen und eins möchte ich hier ein für alle mal klarstellen - Stil ist nicht praktisch!
Persönlicher Stil schon dreimal nicht. Es ist anstrengend und zeitaufwendig, um ihn zu erlangen und das ändert sich marginal, wenn man ihn endlich erreicht hat.

Die Stilikonen wie Oscar Wilde, Gloria Vanderbilt, Audrey Hepburn, wie auch Romy Schneider, David Bowie u. v. w. haben sich ihren Stil nicht in 15 Minuten morgens im Bad erarbeitet.
Greta Garbo musste sich von ihren Backenzähnen verabschieden und Diana Vreeland ließ sich jeden morgen die Schuhsohlen neu bemalen, damit kein auch noch so kleiner Makel ihr Image beschädigt.
Viele scheitern bei ihren Bemühungen um den persönlichen Stil, weil sie tanzen wollen, ohne laufen zu können.

Emsig wird der Dresscode gelernt und danach heiß diskutiert, ob nun die braunen Schuhe nach 18 Uhr zum schwarzen Anzug passen. Die Frage, ob der Anzug überhaupt zum Träger passt, wird erst gar nicht gestellt und genau hier steckt der Fehler. Erst der Baum und dann der Ast. Erst der Mensch und dann die Klamotten. Erst der individuelle Geschmack und dann Mainstream. Na also, es geht doch.

Eine gute Nachricht zum Schluss:
Wer an seinem Stil arbeitet wird zufriedener und erfolgreicher sein als andere. Denn Menschen mit "Schuss" sind wahre Persönlichkeiten.
 
Von Adriane Böhm