Neuer Ehrenkodex im Wettbewerb um besten Mittelständler

Im Kampf um die zahlenmäßig immer kleiner werdende Gruppe von talentierten Nachwuchs-kräften versprechen sich Unternehmen viele Vorteile von der Auszeichnung als beliebter Arbeitgeber. Ein Wettbewerb stellt nun besonders hohe Ansprüche.

An Ausscheidungen, um als Arbeitgeber der Wahl dekoriert zu werden, besteht kein Mangel. Kritiker warnen schon davor, dass die Flut an Wettbewerben und ausgezeichneten Firmen womöglich bei Bewerbern falsche Hoffnungen weckt. Sie wissen nicht, dass nahezu jedes Unternehmen zu einer Ehrung kommt - sofern ein paar Tausend Euro an den Ausrichter bezahlt werden. Was einst als ernst gemeintes Projekt startete, ist inzwischen angesichts der überhand nehmenden Zahl an Wettbewerben kaum noch der Rede wert.

Arbeitgeber in der Kritik
Nun zieht mit Compamedia ein erster Anbieter von Arbeitgeberwettbewerben die Konsequenzen. Das Unternehmen, Ausrichter des Mittelstands-Wettbewerb "Top Job", setzt sich bewerbenden Unternehmen nun hohe Hürden auf. Durch Hinzunahme eines "Ehren-Codex" in die Aufnahmekriterien will man erreichen, dass sich nur noch diejenigen Firmen an der Ausscheidung beteiligen, die auch in Krisenzeiten auf einen partnerschaftlichen Umgang zwischen Management, Führungskräften und Belegschaften setzen und dies konkret nachweisen können.

Grundlage für die Revision der bisher gültigen Antragsvoraussetzungen ist eine Umfrage, die Compamedia im Frühjahr unter Geschäftsführern und Personalleitern von etwa 3.500 Mittelständlern durchführte. Danach befürchtet die Mehrzahl der befragten Unternehmen nicht nur Umsatzeinbrüche und Liquiditätsengpässe. Für mindestens ebenso gefährlich halten sie es, wenn sich in ihren Belegschaften Angst breit macht. 48 Prozent befürchten, dass deshalb Leistungsträger abwandern. Ebenfalls verbreitet ist die Sorge, dass die Effizienz der Arbeit sinkt und die Qualität von Produkten und Dienstleistungen deutlich abnimmt.

Rücksicht nehmen und Vertrauen schaffen
In einem Klima der Angst bricht die Motivation von Mitarbeitern in bedrohlichem Ausmaß ein - mit erheblichen Auswirkungen auf den Ruf der Firma als Arbeitgeber. Als weitere Konsequenz steigen die Rekrutierungskosten. Dies könnte ein großer Makel sein, sobald die Konjunktur wieder aufwärts strebt und das Werben um neue Mitarbeiter hochgefahren wird. Strategisch gesehen schießen Firmen also ein Eigentor, wenn sie in der Krise keine Rücksicht nehmen auf die Sorgen ihrer Beschäftigten.

Hier setzt der neue Ehrenkodex an. Er verpflichtet die antragstellenden Unternehmen zu Fairness und Respekt und dazu, fürsorglich mit ihren Mitarbeitern umzugehen. Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten, so Compamedia, müssen Firmen diese Nagelprobe bestehen. Davon sind auch die befragten Entscheidungsträger überzeugt. Rund 80 Prozent halten einen Ehrenkodex für eine vertrauensbildende Maßnahme, und knapp 70 Prozent sind der Meinung, ein guter Arbeitgeber müsse sich unwiderruflich einem solchen Kodex unterwerfen. Auch betriebswirtschaftlich ergibt der Ehrenkodex Sinn: Von einem Bekenntnis zu verantwortungsvollem Wirtschaften verspricht sich jeder Zweite auch in nackten Zahlen Vorteile.
 
Von Josef Bierbrodt