Netze spinnen mit Web 2.0

Der eine hat sie, der andere sucht sie. Tatsache ist: Jeder braucht sie. Kontakte zu pflegen war nie so wertvoll wie heute. Im Internet kommt das Networking erst richtig auf Touren. Und wer schon immer der Karriere einen Kick geben wollte, steigert seine Chancen dank Web 2.0 erheblich.

Längst ist die zielgerichtete Kontaktpflege nicht mehr auf Golfplätze oder edle Business-Clubs beschränkt. Sich aktiv ins Gespräch zu bringen und ungezwungen auf Menschen zuzugehen, wird auch nicht mehr mit der Anbiederung eines Staubsaugervertreters verwechselt. Intelligentes Beziehungsmanagement, schreibt Christine Öttl in ihrem Buch Networking, ist längst nichts Verwerfliches mehr.

Ein neues Terrain finden Networker im Internet vor. Gewiefte Fach- und Führungskräfte ergreifen die interaktiven Chancen beim Schopf. Gemeinsam mit meinem Partner Wolfgang Neuhaus durchforste ich Netzwerke nach interessanten Geschäftsideen, sagt der Chef der Lünener Itemis GmbH & Co. KG, Jens Wagener. Statt mühsamer Kaltakquise, wofür Führungskräfte unverändert viel Zeit investieren, legt Wagener lieber präzise Profile im Internet an, die potenzielle Geschäftspartner dank intelligenter Suchagenten magnetisch anziehen. Volltreffer: Erst jüngst lernten sich Wagener und ein Vorstand der Darmstädter Software AG so kennen.

Pfiffig auch die Idee von Markus Völter. Der selbstständige Softwareentwickler aus dem schwäbischen Heidenheim, ein Networker durch und durch, suchte nach einer Alternative zu intensiver Kontaktpflege auf Messen und regelmäßiger Publikation in einschlägigen Fachzeitschriften. Mit seinem Podcast über moderne Entwicklungsmethoden multiplizierte er seine Kontakte zur internationalen Community auf einen Schlag. Um seine Tutorials sofort zu hören oder sie sich zum späteren Download - etwa beim Joggen - auf mobile Abspielgeräte zu laden, schalten stets mehr als 3500 Experten aus der ganzen Welt das Softwareentwicklungs-Radio im Internet ein.

In seinem Podcast greift Völter stets aktuelle Trends rund um die Softwareentwicklung auf. Es wird nicht allein gezielt zur Weiterbildung genutzt, zählt Völter die Vorteile auf, sondern kurbelt auch den fachlichen Austausch in der Community an. Mal ganz abgesehen von zahlreichen Geschäftsoptionen, die sich im Nachklapp für Völter ergeben, entwickeln sich für viele Teilnehmer auch neue Karriereperspektiven. Ein Web 2.0-Vorteil, den Itemis-Chef Wagener besonders hervorhebt: In Podcasts und Internet-Foren lernen wir viele interessante Leute kennen.

In der zukunftsträchtigen Dienstleistungs- und Wissensindustrie sind Firmen wie das Beratungshaus Itemis auf Mitarbeiter und Partner angewiesen, die Initiative ergreifen und ihre Kenntnisse ohne Vorbehalte weitergeben. Nur mit solchen Menschen können wir Ideen zur Marktreife bringen, sagt Wagener klipp und klar. Grund genug, in Foren, Podcasts und Blogs, den Kontakthöfen der neuen Netzwerkgeneration, nach interessanten Kandidaten zu forschen, die dort ihr neues Verständnis von Information und Kommunikation beherzt in die Tat umsetzen.

Ein Trend, der inzwischen auch Personalberater zu neuen Strategien veranlasst. Neben der klassischen Direktsuche durchstöbere ich immer mehr Blogs, sagt die Starnberger Headhunterin Christine Dietrich. Auf der Suche nach Fach- und Führungskräften steuert sie auch Geschäftsportale wie Xing oder Karriereplattformen wie Jobware an. Freilich kennt sie die Grenzen des Web 2.0-Terrains: Viele Experten scheuen diese anonyme Art der Präsentation, sagt Dietrich. Und welcher Chief Financial Officer schreibt schon einen Blog?

Regelmäßig zu bloggen kann sogar der Karriere äußerst abträglich sein, meint zumindest Bernhard Schmid, einst Vorstand eines börsennotierten Unternehmens und heute Beirat zahlreicher Firmen. Geprüft wird genau, ob in Blogs oder Foren negative Eigenschaften eines Kandidaten zu Tage treten, sagt der Chef der Münchener Unternehmensberatung Global Value Management. Vor übertriebenen Erwartungen zu Web 2.0 könne er nur warnen, eine ernst zu nehmende Alternative zum persönlichen Gespräch gebe es einfach nicht. Frei nach dem Motto: Menschen machen Geschäfte, keine Webseiten.
 
Von Winfried Gertz