Moulüe - Management auf chinesische Art

China plant nicht Quartale, sondern Hundertjahresziele. Strategen denken weniger in der Dimension eines "Problems", sondern vielmehr an "lebendige Kräfte" im Widerstreit. Der Freiburger Sinologieprofessor Harro von Senger stellt in seinem  Buch 'Moulüe - Supraplanung: Unerkannte Denkhorizonte aus dem Reich der Mitte' erstmals chinesische Denksysteme dar, die im Westen bisher unbekannt sind.

"Moulüe zielt auf die bestmögliche Lösung, gestützt auf eine allumfassende Makro- und Mikrobetrachtung", skizziert Harro von Senger, Professor für Sinologie und Experte für chinesisches Denken, den Begriff "Moulüe" als einen Denkhorizont aus dem Reich der Mitte, dessen Tragweite uns im Westen kaum zugänglich sei und sich am besten mit "dynamischer Supraplanung" übersetzen ließe. Laut Harro von Senger charakterisieren chinesische Moulüe-Forscher ihr Forschungsgebiet etwa als die "Lehre von Operationen des Denkens über die Konfrontation zwischen lebendigen Kräften". Sie erhöhe die Fähigkeit, auf wechselnde Umstände zu reagieren und Probleme dialektisch zu durchdenken, um erfolgreiche Entscheidungen treffen zu können. Dabei seien menschlicher Einfallsreichtum und kunstvolle Überlegungen unverzichtbar, erklärt von Senger. "Der Moulüe geht es darum, den richtigen Weg zu weisen."

Während man in der westlichen Welt Strategie und Taktik kennt, und die strategische Planung als Königsdisziplin etwa der Unternehmensführungslehre gilt, so ist sie doch keineswegs mit der dynamischen Supraplanung vergleichbar. Einerseits stützt sich die westliche Strategie stark auf Modellierungen und Empirie, denen letztlich ein naturwissenschaftlich-technisches Verständnis zu Grunde liegt. Andererseits umfasst die dynamische Supraplanung Zeiträume, die weit über die für die westlich-kapitalistische Wirtschaftswelt typischen Quartals- oder Jahresplanungen hinaus reichen, und eher Jahrzehnte, wenn nicht sogar Jahrhunderte umspannen.

Langsam setzt sich aber offenbar auch im Westen die Idee der Supraplanung durch. Beispielsweise in der Politik: Es seien "verbindliche Langfristziele" nötig, so Bundeskanzlerin Angela Merkel im September 2007 in einem Zeitungsbeitrag, um "über Jahre hinweg jeweils eine konkrete Tagespolitik zu formulieren." In der Wirtschaft zeigen riskante Immobilienkreditspekulationen oder überhöhte Managementgehälter, dass kurzfristige Gewinnoptimierung das Gesamtsystem schwächt, und damit letztendlich auch vermeintlichen Gewinnern die Basis im internationalen Wettbewerb zerstört. Ziehen indes alle kontinuierlich am selben Strang, können sie die Position aller Beteiligter stärken. Hierfür erfordert es jedoch nicht nur die Fähigkeit, sondern auch den Willen zur Weitsicht.

"Chinesen", so Harro von Senger, seien es "gewohnt, retrospektiv in langen Zeiträumen zu denken. Kein Wunder, dass es ihnen womöglich nicht so schwer fällt, umgekehrt auch weit in die Zukunft hinein zu denken". Den Stellenwert des Geschichtsbewusstseins identifiziert von Senger als eine für Chinesen zentrale Quelle der Moulüe. Insbesondere in Deutschland sei das Thema Geschichte dagegen problematisch aufgeladen.

Trotzdem gibt es auch westliche Denker, denen die Dimensionen dynamischer Supraplanung zugänglich sind. Der französische Historiker Fernand Braudel (1902-1985) zum Beispiel, bekannt durch seine Universalgeschichte des Mittelmeerraums, plädierte für die Betrachtung der "langen Dauer" in der Geschichte Zeiträume, die über kurze Legislaturperioden oder mittlere Wirtschaftszyklen hinausgehen und den langsamen Aufstieg und Fall internationaler Machtzentren umfassen.

Der Panoramablick eines Braudel oder derjenige der chinesischen Supraplanung kann westlichen Führungskräften neue Dimensionen des Denkens und Planens eröffnen, die bisher völlig ungenutzt sind. Dazu Harro von Senger: "Die vermehrte Hinwendung zur eigenen Geschichte könnte vielleicht dazu beitragen."
 
Von Carsten Hennig