Moderation ist eine unterschätzte Führungskompetenz

Moderation ist mehr als nur ein Werkzeug für effektive Meetings. Wer die Methode wirklich beherrscht, erzielt in Diskussionsrunden bessere Ergebnisse und spart jede Menge Zeit und Nerven.

"Moderieren heißt, Prozessverantwortung zu übernehmen", urteilt Paul Lahninger über die Aufgabe, ein Team bei fachbezogener Gruppenarbeit zu unterstützen. Die inhaltlichen Entscheidungen blieben dabei möglichst den Gruppenmitgliedern überlassen, so der Salzburger Lehrtrainer, denn nur so könne die Gruppe ihr kreatives Potenzial entfalten und der Moderator den Überblick über den Gruppenprozess behalten.

Die Fokussierung auf den Prozess - statt auf den Inhalt - stellt die größte Herausforderung für Moderatoren dar. Arbeitsaufträge sinnvoll vorstrukturieren, Kommunikation und Interaktion ausgleichend regeln, Gesprächsabläufe und Gruppenaktivitäten festhalten und visualisieren: Der Moderator stellt Anforderungen und gibt Anleitungen, während er gleichzeitig in den Hintergrund tritt. Hier ist Umdenken gefragt, denn typischerweise konzentrieren sich Denken und Handeln im Berufsalltag auf Zielvorgaben, also auf messbare und konkrete Ergebnisse. Die Frage nach dem optimalen Prozess kennt man zwar aus dem Projektmanagement, aber auch hier sind meist "technische" Aspekte des Managements gemeint, zum Beispiel Zeitpläne oder logische Abläufe. Die Optimierung der zwischenmenschlichen Interaktion bei größtmöglicher Entfaltung der individuellen Ressourcen aller Beteiligten bleibt im Regelfall unberücksichtigt.

"Aufgabe der Moderatoren ist es, der Gruppe beide Ebenen, ihren Zusammenhang und ihre gegenseitige Beeinflussung vor Augen zu führen", so steht es im Standardwerk ModerationsMethode. Die Verfasser Karin Klebert, Einhard Schrader und Walter Straub betonen die Parallelität der zwei Handlungsebenen, "der inhaltlichen Ebene, auf der das sachliche Problem bearbeitet wird, und der Beziehungsebene, auf der die Kommunikationserfahrungen gesammelt werden".

Wer Moderation hauptsächlich als Werkzeug betrachtet, um Meetings effektiver zu gestalten, schätzt zwar das grundlegende Prinzip der Methode richtig ein, verkennt aber das weitreichende Potenzial von Moderationstechniken im Allgemeinen. Die eigentliche Stärke der Moderation bleibt vor allem dann weitestgehend ungenutzt, wenn Meetings dem bloßen Informationsabgleich dienen: Ideen und Lösungsalternativen - die Früchte ausgewogener Beteiligung und konstruktiver Gesprächskultur in der Gruppensituation - haben hier zu wenig Raum. Umgekehrt sind die Elemente moderierter Gruppenarbeit, wie etwa Arbeiten in Klein- und Großgruppen oder Techniken der Ergebnissicherung und -präsentation, eine nahezu unerschöpfliche Ressource. Richtig eingesetzt bringen sie nicht nur Ergebnisse überzeugend auf den Punkt, sie ersparen auch Reibungsverluste, Zeit und Nerven.

Das gilt umso mehr, je besser die eigenen Mitarbeiter diese Elemente ebenfalls beherrschen und sogar eigenständig im Arbeitsalltag einsetzen. Dann herrscht ein grundlegender Konsens über den Prozess und darüber, wie Ergebnisse erreicht werden können. Und mehr noch: Ist man sich einig über die Verfahrensweisen, dann finden auch schwierige Entscheidungen oder unbequeme Ergebnisse mehr Rückhalt in der Gruppe, hat diese doch transparent und nachvollziehbar miterlebt, warum und wozu genau so entschieden werden muss.

Doch Vorsicht: Moderation ist kein Mittel, um "fertige Konzepte" an Mitarbeiter zu "verkaufen" oder um ihnen unbequeme Entscheidungen "unterzujubeln". Im Gegenteil, ihre Qualität liegt in der Teamdynamik: "Das Selbstdarstellungs- und Profilierungsstreben Einzelner ordnet sich der Gruppe unter. Missverständnisse und Rivalitäten werden geklärt", weiß Peter Lahninger aus langjähriger Erfahrung. Moderation führt seiner Einschätzung nach dazu, "dass die Teammitglieder das Erarbeitete als gemeinsames Ergebnis betrachten."
 
Von Carsten Hennig