Mobile Recruiting - Mit Twitter und SMS zu neuen Bewerbern

Noch nutzen nur wenige Unternehmen die Möglichkeit der Bewerberansprache über Handys oder andere mobile Endgeräte. Doch das könnte sich bald ändern. Eine Studie spricht dem so genannten Mobile Recruiting das Potenzial zu, sich zu einem wichtigen Kanal für die Rekrutierung zu entwickeln.

Die Bewerberansprache über mobile Endgeräte wird an Bedeutung gewinnen. 42 Prozent der Unternehmen können sich vorstellen, dass in den nächsten zwei Jahren in ihrem Unternehmen Mobile Recruiting-Kampagnen eingeführt werden. So eine aktuelle Studie des eco-Verbands der deutschen Internetwirtschaft zusammen mit der Hochschule RheinMain, Contebis Management & Technology und DJM Consulting.

Aber was ist Mobile Recruiting nun eigentlich? "Mobile Recruiting umfasst alle Aktivitäten rund um Employer Branding, Personalmarketing und Recruitingprozess, die als Kanal zum Interessenten mobile Endgeräte nutzen", erklärt Michael Eger, Senior Consultant der Promerit AG. "Waren die Formate bei klassischen Handys zunächst vorwiegend auf Push-Dienste wie SMS und MMS beschränkt, bestehen heute mit Smartphones und Webbooks weitaus mehr Möglichkeiten. Mit immer besseren Bandbreiten ist vor allem auch eine Zweiwege-Kommunikation im Sinne eines Rückkanals möglich, die echte Interaktion erlaubt."

Vor- und Nachteile von Mobile Recruiting
Der Vorteil ist die Schnelligkeit der Kommunikation: Die Nutzer, die ihr mobiles Gerät normalerweise bei sich tragen, bekommen die Nachrichten zeitnah und ohne dafür am PC sitzen zu müssen. Vor allem die Zielgruppe der jungen und mobilen Jobsuchenden ist über diesen Kanal gut zu erreichen. Aber auch ältere Arbeitnehmer sind inzwischen großflächig mit iPhones und Blackberries ausgestattet und nutzen diese rege in der S-Bahn oder im ICE. Sie stellen also auch eine potenzielle Zielgruppe für das Mobile Recruiting dar. Ein weiterer Vorteil: Unternehmen können sich mit mobilen Anwendungen positiv von ihren Wettbewerbern abheben und Innovationsvermögen demonstrieren. Denn noch nutzen nur wenige Firmen die Möglichkeiten des mobilen Recruitings.

Der Nachteil: Die Darstellung muss extra an das kleine Handy-Display angepasst werden. Außerdem müssen die übertragenen Datenmengen möglichst klein gehalten werden, da die Datenübertragung via Mobilfunk meist langsamer funktioniert. Ein weiterer Punkt, der Unternehmen zögern lässt, auf den Mobile Recruiting-Zug aufzuspringen, ist der Arbeitsaufwand. Auch wenn die Technik irgendwann steht, muss jemand laufend neue Inhalte einstellen. In großen Unternehmen ist es noch eher möglich, eine Person mit dieser Aufgabe zu betrauen. Aber im Mittelstand benötigt man schon Idealisten, die mit Leib und Seele hinter mobilen Anwendungen stehen, so dass sie auch nach Feierabend noch interessante Nachrichten über soeben besuchte Messen und Kongresse publizieren. Denn die Nutzer wollen regelmäßig mit interessanten Inhalten versorgt werden. Alle paar Wochen mal eine Stellenanzeige zu veröffentlichen, reicht nicht. Oder wie Michael Eger formuliert: Langweilige Inhalte sind auch auf dem Smartphone langweilig.

Die Wege zum mobilen Endgerät
Aber Mobile Recruiting ist nicht gleich Mobile Recruiting. Die einfachste und am längsten verbreitete Möglichkeit, um Nachrichten auf mobile Endgeräte zu senden, ist der bereits erwähnte Versand von Push-Nachrichten via SMS oder MMS auf das Handy, beispielsweise sobald eine neue Stellenanzeige online gestellt wurde. Diese Nachricht kann einen Link zum Stellenangebot enthalten, den der User über das mobile Endgerät oder später am heimischen Laptop aufrufen kann.

Auch RSS-Feeds können für das Mobile Recruiting genutzt werden. Diese Dienste werden vor allem für Service-Webseiten angeboten: Ein RSS-Channel versorgt die Abonnenten mit kurzen Informationen, wenn es auf der Webseite Veränderungen, also zum Beispiel neue Stellenangebote gibt. Diese Informationen enthalten eine Schlagzeile mit kurzem Textanriss sowie einen Link zur Originalseite. Auch Online-Stellenmärkte bieten RSS-Feeds an, zu Themen wie "erfolgreich Bewerben" oder "Karriere" und natürlich RSS-Feeds mit neuen Stellenangeboten in vom Nutzer ausgewählten Branchen. RSS-Feeds bekommen die Nutzer auf den Rechner gesandt, selbst wenn ihr Internet-Browser gerade nicht geöffnet ist. Im Gegensatz zu SMS-Nachrichten werden RSS-Feeds aber selten auf mobilen Endgeräten genutzt.

Über das Unternehmen zwitschern
Eine dritte Möglichkeit der zeitnahen Recruiting-Information ist die Veröffentlichung von Nachrichten auf der Mikroblog-Plattform Twitter. Bei der Deutschen Bahn beispielsweise hat Robindro Ullah, Verantwortlicher für das Hochschulmarketing, zwei fiktive Charaktere geschaffen, DBINGa und DBINGo. Sie berichten dort regelmäßig über ihren Joballtag und verzeichnen jeweils über 100 Follower (Menschen, die ihrem Profil folgen). Ullah selbst twittert auch regelmäßig. Teils über Banales wie "Man trifft doch immer wieder Kollegen auf Reisen - heute gleich 6", aber auch über für Bewerber interessante Dinge: "Jetzt bewerben - das Demokratische Stipendium geht in die zweite Runde". Nach über einem Jahr Twittern zieht er Bilanz: Zwar könne die Deutsche Bahn durch Twitter nicht mehr Einstellungen oder Bewerbungen verzeichnen, dennoch habe sich der Aufwand gelohnt, denn die Aktion der Bahn sei in Medien wie der Financial Times, der Süddeutschen Zeitung und der Wirtschaftswoche erwähnt worden. Auch der Arbeitskreis Personalmarketing zeichnete die Deutsche Bahn mit einem Preis für das innovativste Personalmarketing aus. "Um den Zeitaufwand und das Engagement intern zu begründen, reichen diese Fakten aus", so Robindro Ullah.

Mobile Tagging und iPhone-Apps
Die vierte Möglichkeit des Mobile Recruiting ist das mobile Tagging - die Verwendung von Barcodes zur optischen Codierung von Informationen: Unternehmen veröffentlichen Plakate oder Inserate, die mit einem Barcode versehen sind. Wer diesen mit dem Handy abfotografiert, kann die dort verschlüsselten Informationen, kurze Texte oder Weblinks, decodieren. So ist es möglich, dass der Nutzer automatisch auf eine Internetseite mit weiterführenden Informationen über den Job oder über das Unternehmen weitergeleitet wird. Voraussetzung ist eine entsprechende Software, die aber auf modernen Handys meist schon enthalten ist. Die Commerzbank oder Volvo Trucks sind Vorreiterunternehmen, die bereits Kampagnen mit mobilen Tags geschaltet haben.

Eine weitere Möglichkeit des Mobile Recruiting bietet sich speziell für iPhone-Nutzer an: Über so genannte Apps (Applications) können sie Stellenangebote empfangen, die in einem gewissen Umkreis rund um ihren Standort platziert sind. Die eingebaute GPS-Funktion des iPhones macht es möglich. Doch das ist noch nicht alles, was in Sachen Mobile Recruiting denkbar ist. Weitere Kommunikationswege sind die Übermittlung von Push-Nachrichten über Bluetooth oder über Hotspots (drahtlose Internetzugangspunkte) sowie die mobile Nutzung von sozialen Netzwerken wie Facebook. Stellt sich die Frage, ob sich dies alles wirklich als ein weiterer Rekrutierungskanal etablieren wird oder auch ein Strohfeuer darstellt wie damals die Rekrutierung über die virtuelle Welt Second Life. "Grundsätzlich glaube ich, dass mobile Anwendungen immer selbstverständlicher werden", sagt Michael Eger von Promerit und rät den Unternehmen, besser nicht als bewegungslose Skeptiker abzuwarten. "Unternehmen können im Moment durch Innovationsgeist und Mut durchaus Akzente setzen. Damit haben auch kleine und unbekannte Unternehmen mit guten Ideen eine Chance, weil Recruiting insgesamt demokratischer wird."
 
Von Christiane Siemann