Mittelstand in der Provinz - Chancen und Risiken für Arbeitnehmer

Nach dem Studium in der Metropole eine Berufskarriere in der Provinz? Diese Aussicht klingt für viele hoch motivierte Jobeinsteiger auf den ersten Blick nicht sehr verlockend. Dabei ist bekannt, dass das sogenannte Job-Enlargement, also ein umfangreicherer und attraktiverer Aufgabenbereich, eher bei Mittelständlern als im Konzern zu finden ist. Jobware sprach mit Unternehmenscoach Dr. Albert Müllerschön über Chancen und Risiken beim Wechsel zu einem Arbeitgeber auf dem "Lande".

"Insgesamt sind unsere Beobachtungen, dass sich die meisten Bewerber primär für eine Stadt und dann erst im nächsten Schritt für einen Arbeitgeber entscheiden. Und in der Zwischenzeit haben sich die meisten großen Betriebe in Metropolen niedergelassen, sodass Bewerber sowohl die Stadt und eine Arbeitswahl zur Verfügung haben", meint Dr. Müllerschön.

Mittelständler bieten meist attraktive Arbeitsmodelle und Zusatzleistungen
Verlierer dieser Entwicklung sind kleinere, namentlich meist unbekannte Betriebe auf dem Land, die kein ausuferndes Budget zur Steigerung ihres Arbeitgeberimages besitzen. Punkten können diese Betriebe aber über jährliche Studien, in denen ein Ranking der besten Arbeitgeber im deutschen Mittelstand veröffentlicht wird. Hier werden verschiedene Kategorien wie Familienfreundlichkeit und Perspektiven in der Mitarbeiterentwicklung bewertet. Wichtige Punkte, die auch der Wirtschaftspsychologe Müllerschön als Plus für den Mittelstand wertet: "Ein wesentlicher Anreizfaktor, vor allem für junge Mitarbeiter, besonders mit Kindern, ist die flexible Arbeitszeit. Eine weitere Möglichkeit, die angeboten wird, sind variable Arbeitsmodelle von zu Hause aus."

Betriebe mit über 250 Mitarbeitern bieten meist einen Kindergarten und die Möglichkeit der Freistellung ohne Bezüge für Zusatzqualifikationen. Zudem haben viele größere Mittelständler, beispielsweise in der Zulieferindustrie, Geschäftskontakte für eine vorübergehende Beschäftigung im Ausland. Dies bietet Abwechslung und erhöht die Qualifikation und die Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Viele Arbeitgeber in ländlichen Regionen sehen sich auch verpflichtet, kulturelle Vielfalt vor Ort zu fördern und so die Attraktivität ihres Standortes zu erhöhen. So muss man heute auf ein Jazzkonzert oder eine Vernissage abseits der Metropolen nicht mehr verzichten.

Arbeitnehmer im Bindungsrisiko
Trotzdem leben in ländlichen Regionen eher einfach qualifizierte Menschen, ein Trend, der sich bestimmt noch weiter verschärfen wird. Denn wer sich an den einzigen großen Arbeitgeber in einer ländlichen Region bindet, macht sich natürlich auch extrem abhängig. Die Bereitschaft zu Mobilität sinkt mit zunehmendem Alter, das Risiko, in einem Ort "hängen" zu bleiben, steigt. "Diese Tatsache wird auch gelegentlich durch den Arbeitgeber ausgenutzt, vor allem wenn jemand eine Wohnung gekauft oder sogar gebaut hat. Andererseits lässt sich seit einigen Jahren feststellen, dass die Bereitschaft, eine Immobilie auch wieder zu verkaufen, bei Karriere orientierten Menschen gestiegen ist."

Unabhängig von der Ortswahl empfiehlt Dr. Müllerschön, sich primär nach attraktiven, verantwortungsvollen Aufgaben orientieren und sich erst mit Priorität zwei um einen speziellen Arbeitgeber zu bemühen. "Sicherlich wird bei einer späteren Bewerbung eine sehr bekannte Firma als ehemaliger Arbeitgeber eine positive Reaktion auslösen, doch auf den zweiten Blick geht es um die bisherigen Aufgaben und Verantwortungen, die jemand hatte."

Auf jeden Fall steigert man, egal in welcher Region, seine Karrierechancen durch Mobilität. "Denn viele Arbeitnehmer", sagt Berater Dr. Müllerschön abschließend "reden nur von Karriere, sind aber nicht bereit, dafür wirklich etwas zu investieren."
 
Von Manuel Boecker