Mitarbeiterbindung - Vertrauen vor Geld

Unternehmen wollen ihre besten Mitarbeiter möglichst lange an den Betrieb binden. Doch wie stiftet man Menschen dazu an, sich loyal zu verhalten und dem Arbeitgeber auch in der Krise die Stange zu halten? Indem man sie freilässt, sagte Bruder Paulus auf der Handelsblatt-Tagung "Personal im 21. Jahrhundert" in München.

Den versammelten rund 150 Personalleitern, die eigentlich nach München gekommen waren, um zu erfahren, wie sie sich mit ihrer Arbeit mehr Gehör im Management verschaffen können, hatte der aus dem Fernsehen bekannte Kapuzinerpriester noch einiges mehr zu sagen. Zum Beispiel dass sie ihren Mitarbeitern viel persönlicher begegnen sollten. Das muss nicht bedeuten, dass der Personalchef unbedingt morgens vor allen anderen im Betrieb sein muss, um jedem Kollegen einen "Guten Tag" zu wünschen. Bruder Paulus meint vielmehr: In vielen Unternehmen fehlt schlicht der persönliche, wertschätzende Umgang miteinander.

Nicht nüchtern kalkulierte Zahlen und Budgetvorgaben veranlassen demnach Menschen, sich für eine Sache einzusetzen. Auch nicht Geld, die wie eine Möhre vor die Nase gehängte Aussicht auf ein höheres Gehalt, sagt Bruder Paulus. Voraussetzung für Erfolg sei vielmehr Vertrauen. Allein wo Menschen vertrauensvoll miteinander umgehen und der einzelne Mitarbeiter seinem Vorgesetzten Vertrauen schenkt, statt von ihm wie eine programmierbare Maschine behandelt zu werden, könne überhaupt von sinnvoller Arbeit gesprochen werden.

Motivation lässt sich nicht mit Geld aufwiegen
Etwas Sinnvolles leisten könne man nicht mit Geld aufwiegen, sagt Bruder Paulus. Noch immer sei das Management davon überzeugt, man könne Beschäftigte allein mit dem Anreiz höherer Gehälter aus der Reserve locken. Dabei seien die meisten Mitarbeiter, nicht zuletzt die Talente genannten Leistungswilligen unter den Nachwuchskräften, längst auf einer anderen Spur. Sie wollen an spannenden Projekten arbeiten, mit ihren Fähigkeiten gefragt sein und sich zu Wort melden, wenn ihnen der Sache wegen etwas gegen den Strich geht.

"Stellen Sie sich selbst einmal die Frage", gab Bruder Paulus dem Publikum als Hausaufgabe mit auf den Weg, "was wirklich sinnvoll ist an Ihren Unternehmen, worin der Sinn Ihrer Arbeit liegt und worin sich das Wesentliche Ihrer Abteilung auszeichnet?" Überall dort, warnt der von der Wochenzeitung "Die Zeit" einst "Headhunter Gottes" genannte Redner, wo die Sinnfrage nicht geklärt ist, müssten sich Menschen an Hierarchien festklammern. Dabei entstünde Kreativität, also die größtmögliche Entfaltung des Menschen als "Homo ludens", allein dort, wo offen miteinander gesprochen und Fairness den persönlichen Umgang präge. Welcher Manager, welcher Personalleiter ist bereit, Mitarbeitern diese Freiräume tatsächlich einzuräumen? Eine Frage, die in München nicht abschließend behandelt werden konnte.
 
Von Winfried Gertz