Mit Servietten denken

Wenn Sie ein Problem diskutieren wollen, bleibt Ihnen oft nichts anderes übrig, als in eine Power-Point-Schlacht zu ziehen, oder Ihren Chef im Fahrstuhl mit Phrasen zu beschießen: "Synergie-Effekte schaffen ...", "Marktanteile sichern ...". Das kann aufregend sein, aber gut ist es oft nicht.

Beides bringt keine kreativen Lösungen: Denken in Slogans nicht, und Denken per Powerpoint auch nicht. Besser funktioniert das Denken mit Hilfe von Servietten. Davon ist zumindest Dan Roam überzeugt, Autor des dicken Skizzen-Anleitungs-Buchs "Auf der Serviette erklärt", außerdem Gründer und Präsident von Digital Roam Inc., einer Beratungsfirma, die Managern hilft, komplexe Probleme durch visuelles Denken aufzulösen.

Bilder für abstrakte Probleme
"Jedes Problem kann mit einem Bild deutlicher gemacht werden, und jedes Bild kann mithilfe derselben Werkzeuge und Regeln erstellt werden", schreibt Roam. Visuelles Denken heißt also, mit den Augen zu denken. Das können die meisten nicht, oder nicht mehr. Denn nach der Bilderbuch- und Krickelkrackelzeit im Kindergarten muss das visuelle Denken Platz machen für das Denken mit mathematischen Formeln und mit Texten.

Kein Wunder also, dass nach Einschätzung Roams nur ein Viertel der Teilnehmer eines gewöhnlichen Meetings gerne zeichnet, die Hälfte sich für zeichnerisch unbegabt hält, und das letzte Viertel von sich sagt: "Ich bin kein visueller Typ". Gerade Letztere aber könnten besonders gut mit den Augen denken, weil sie oft analytisch begabt sind.

Das visuelle Denken anregen und Lösungsprozesse herbeiführen
Wie aber geht das - mit den Augen denken? Für einfache Meetings reichen Roam zufolge "Pizza-Bilder", also Tortendiagramme oder andere Standard-Bildchen, die heute jeder Computer-Benutzer zustande bringen kann, und sei er zeichnerisch noch so begabungsfrei.

Entscheidende Meetings aber brauchen mehr: Sie brauchen Bilder, die "maßgebliche Erkenntnisse vermitteln, interessante Gespräche in Gang bringen und wichtige Entscheidungen stützen", so Servietten-Denker Roam. Solche Bilder sind komplex, weil sie zeigen, wie verschiedene Dimensionen zusammenhängen. Sie erschließen sich nicht auf einen Blick, aber lassen sich Schritt für Schritt erklären. Sie ersparen nicht tausend Worte, sondern lösen genau die tausend Worte aus, auf die es ankommt. Sie lassen mehr erkennen als Muster - sie lassen Probleme erkennen.

Solche Bilder bewirken zwei Dinge: Sie stellen Fragen und sie vermitteln Perspektiven - hier zum besseren Verständnis jeweils mit einem Beispiel aus der Software-Branche.

1. Die Fragen

  • Wer/was: Software-Hersteller
  • Wie viel: Umsatz als Tabelle, Diagramm
  • Wann: Umsatzentwicklung im Zeitverlauf
  • Wo: Produktqualitäten als Karte
  • Wie: Erreichen der Marktführerschaft durch Neupositionierung
  • Warum: Schaubild mit x-Achse (firmeneigene bis offene Standards) und y-Achse (wenige bis viele Software-Funktionen)


2. Die Perspektiven

  • Simpel oder ausführlich: ein Hauptwettbewerber - alle Wettbewerber
  • Qualität oder Quantität: Softwarefunktionen - Absatzmenge
  • Vision oder Durchführung: Marktführerschaft - der Weg zur Marktführerschaft
  • Individuelle Merkmale oder Vergleich: Softwarefunktionen von Produkt X - Softwarefunktionen von Produkt X, Y, Z im Vergleich
  • Wandel oder Stand der Dinge: Umsatz in diesem Jahr - Umsatz im kommenden Jahr


Die Kunst besteht nun darin, die richtigen Fragen und Perspektiven auszuwählen, und übereinander zu legen. Dazu hat Dan Roam ein großes Diagramm entwickelt. Die Marktentwicklung verschiedener Software-Hersteller lässt sich zum Beispiel in Form von wandernden Kreisen darstellen:

  • Warum - Qualität: Schaubild mit x-Achse (horizontal, z. B. firmeneigene bis offene Standards) und y-Achse (vertikal, z. B. wenige bis viele Software-Funktionen)
  • Wer/Was - ausführlich: Software-Hersteller/Produkte im Vergleich, dargestellt als Kreise
  • Wie viel - Quantität: Größe der Kreise entsprechend der Umsatzgröße
  • Wann - Wandel: Umsatzentwicklung (dieses und nächstes Jahr) und Weiterentwicklung der Produktqualität (veränderte Platzierung innerhalb der Quadranten)

 

Mit Servietten denken
So zeigt sich für den Branchenführer: Ein kleiner Mitbewerber mit einfacher Software, die auf offenen Standards basiert, wird den Funktionsumfang seiner Produkte erheblich erweitern und seinen Umsatz vervielfachen. Der kleine, unbedeutende Kreis links unten poppt ganz nach oben und wird bedrohlich groß.

Daraus ergibt sich für den Branchenführer automatisch die Frage: Was können wir tun? Oder, visuell gedacht: Wo wollen wir mit unserem Kreis stehen? Und die Antwort: Entweder die eigene Plattform verbessern (eigenen Kreis links nach oben verschieben) oder auf offene Standards umsteigen (eigenen Kreis nach rechts oben verschieben).

Dieses Bildbeispiel stammt aus der Praxis von Dan Roam. Es konnte "einen visuellen Rahmen" errichten, in den während eines entscheidenden Meetings noch viele Pfeile und Optionen eingezeichnet wurden - was nichts anderes heißt, als dass Probleme mit den Augen erkannt und Strategien mit den Augen entworfen wurden. In diesem Fall auf einem Whiteboard - eine Serviette hätte es aber auch getan.
 
Von Anne Jacoby