Miese Vorbilder

Manager sind nicht nur Controller, die wissen wo es lang geht, um den Laden zusammenzuhalten. Sie nehmen ebenso eine Vorbildfunktion ein. Doch daran hapert es bisweilen. Hier wird geschmiert, dort hinterzogen - mit fatalen Folgen. Der Fisch stinkt vom Kopf her, sagt der Volksmund.

Eine neue Studie belegt, wie negativ Mitarbeiter ihre Vorturner beurteilen. Vom Idealbild des ehrbaren Kaufmanns haben sich Top-Entscheidungsträger weit entfernt. Hier genehmigen sie sich Traumgagen, Megapensionen und astronomische Abfindungen, dort fälschen sie Bilanzen oder korrumpieren Arbeitnehmervertreter. Kein Wunder, dass Belegschaften ihnen nicht blind folgen, wie die Hamburger Unternehmensberatung Krauthammer in einer Studie unter europäischen Konzernen herausfand. Demnach meinen nur knapp 60 Prozent der Mitarbeiter, dass sich das Unternehmen bei ihrem Vorstand in sicheren Händen befindet. Und nur 40 Prozent glauben, dass ihr Boss für Feedback offen ist. Lediglich jeder Dritte nimmt dem Management ab, Vorbild zu sein.

Keine Frage, der Job ist gut dotiert. Man kleidet sich in dunkles Tuch und präsentiert Bilanzen in den schillerndsten Farben. Manager erhöhen Ebit-Margen, steigern den Absatz und optimieren das Kostenmanagement. Lauter adrette, smarte Leute, auf Erfolg getrimmt. Böse Zungen behaupten: austauschbare Typen, ohne Ecken und Kanten - eben Kennzahlen-Akrobaten mit Klon-Charakter.

Gewieft in BWL und Recht, gewandt im Umgang mit Planungstools und Kontrollsystemen, ist die heutige Managergeneration jederzeit in der Lage, ihre Ergebnisse besser, als sie wirklich sind, zu verkaufen. Was ihnen jedoch völlig fehlt ist die Fähigkeit Mitarbeiter zu führen. Weniger als die Hälfte, auch das zeigt die Krauthammer-Studie, fühlen sich von ihrem Top-Management zu außergewöhnlichen Leistungen inspiriert. Nach Meinung ihrer Mitarbeiter könnten Top-Manager daher ein Coaching gut gebrauchen. Denn in punkto Personalführung, Teamentwicklung und in der Kommunikation zeigt sich dringender Nachholbedarf.

Die von Wirtschaftsethikern aufgestellte These, Manager seien bereits zu "Marionetten des Shareholder-Value" mutiert, die nahezu vollständig in der Logik der Kapitalmärkte agiere, ist gewiss überzogen. Nach Angaben der "Wertekommission", eines von Managern gegründeten Vereins, der vehement die Rückkehr zu ethischen Prinzipien einfordert, beabsichtigt bereits jede vierte Führungskraft im Alter zwischen 25 und 45, das Unternehmen zu wechseln, sobald persönliche und Firmen-Wertvorstellungen nicht mehr in Einklang stünden. Und tatsächlich verpflichten sich immer mehr Firmen auf ethische Richtlinien, in denen zumindest die Grund- und Menschenrechte faktisch verankert sind.

Doch wie bringt man diejenigen, die sich in ihrem Paralleluniversum behaglich eingerichtet haben, zur Raison? Mit dem Ruf nach stärkerer Aufsicht, nach Corporate Governance und Compliance; oder mit Human Capital Ratings, die Mitarbeiterförderung belohnen und Personalabbau bestrafen? Mit Drohungen oder moralischen Appellen, so begründet sie auch sind, wird man in die Kritik geratene Entscheidungsträger kaum zur Umkehr bewegen. Denn ethische Skrupel zu zeigen, wissen Beobachter, ist noch immer ein Makel, der die weitere Karriere beeinträchtigen kann.
 
Von Max Leonberg