Mentoren - Helfer auf dem Weg nach oben

Wer beruflich aufsteigen will, kommt heutzutage kaum mehr an einem Mentor vorbei: Als erfahrener Sparringspartner unterstützt er den Ein- und Aufsteiger auf dessen Karriereweg.

In der Odyssee-Sage des griechischen Schriftstellers Homer war Mentor ein Freund von Odysseus und gleichzeitig Erzieher, Lehrer und Ratgeber von Telemach, Odysseus' Sohn. Während der Vater in den Krieg gegen Troja zog und auf seinen Irrfahrten über die Meere viele gefährliche Abenteuer bestehen musste, nahm Mentor sich dem Sohn Telemach an ... Auch wenn der Trojanische Krieg lange vorbei ist, hat sich die Bedeutung des Mentoren bis heute gehalten: Erfahrene Mitarbeiter stehen den jüngeren als Ratgeber und "Beschützer" zur Seite.

"Ein Mentor soll seinem Schützling, dem so genannten Mentee, Orientierung geben, ihm ein Sparringspartner sein", erläutert Top-Management-Coach Dorothee Echter. "Er eröffnet ihm Netzwerke und verhilft ihm zu Informationen, die für die Karriere des Mentees nützlich sein können." Auf dem Weg nach oben können Mentoren also eine wichtige Hilfe sein. So erlebt es auch Nicolai Andersen, Berater beim Beratungs- und Prüfungsunternehmen Deloitte. Der 33-Jährige hat seit Beginn seiner Karriere einen Mentor - bei Deloitte heißen sie Counselor - an seiner Seite: "Ich treffe mich circa alle vier bis sechs Wochen mit meinen Counselor, und wir besprechen berufliche, aber auch private Themen, die Einfluss auf meine tägliche Arbeit und meine berufliche Entwicklung haben können", erklärt Nicolai Andersen das Vorgehen. Zusammen legen sie fest, welche Projekte der Berater gern übernehmen würde und wie er sich weiterentwickeln soll. "In den Gremien, die über meine Gehaltszahlungen und Beförderungen entscheiden, ist mein Counselor so etwas wie mein Anwalt, der sich für mich einsetzt", so Nicolai Andersen. Dabei ist der Mentor in der Hierarchieebene eine Stufe über ihm angesiedelt und hat entsprechenden Einfluss auf die Entscheidungen - und einen Erfahrungsschatz, von dem der Berater profitieren kann.

Nicht immer arbeiten Mentor und Mentee so eng zusammen wie im Fall von Nicolai Andersen. Wer nicht in der Consultingbranche tätig ist, in der das Mentoring fast schon eine Selbstverständlichkeit ist, muss sich mitunter selbst auf die Suche nach einem Sparringspartner machen. Dorothee Echter erklärt, wie man am besten dabei vorgeht: "Als erstes sollten Sie sich überlegen, wer Ihr Vorbild ist, wer Ihre Werte lebt. Das kann ein Mitarbeiter aus einer anderen Abteilung sein, aber genauso gut ein Familienmitglied oder ein Prominenter. Wichtig ist, dass er (oder sie) erfolgreicher und erfahrener ist als Sie - nur dann können Sie von der Zusammenarbeit profitieren." Die Coach-Expertin rät davon ab, sich seinen Mentor nach Machtaspekten auszusuchen: "Derjenige, der meinen Traumjob besetzt, muss nicht unbedingt der richtige Mentor für mich sein." Viel entscheidender sei der Sympathiefaktor.

Darüber hinaus hält es Dorothee Echter für wichtig, dass der Mentee seinen Ratgeber von Anfang an fordert: "Mentoren wollen sich mit anspruchsvollen Themen beschäftigen", weiß die Münchenerin aus eigener Erfahrung. Andererseits sollten Mentees die Aufmerksamkeit ihrer Mentoren nicht überbeanspruchen - vor allem, da sie in der Regel selbst erfolgreiche Menschen sind, die mit ihrer Zeit haushalten müssen. Wer die Treffen sorgfältig vorbereitet und seinen Mentor regelmäßig über aktuelle Entwicklungen informiert, zeigt gleichzeitig seine Zielstrebigkeit.

Zu guter Letzt rät Dorothee Echter, die Beziehung zu seinem Mentor nicht länger als nötig aufrechtzuerhalten: "Wenn Sie zum Beispiel genauso erfolgreich geworden sind wie Ihr Mentor oder wenn Sie für längere Zeit ins Ausland gehen, sollten Sie die Beziehung beenden." Was nicht heißt, dass man sich auf seinem weiteren Karriereweg nicht einen neuen Mentor suchen kann. Oder sogar die Seiten wechselt und selbst zum Ratgeber wird: "Mentor zu sein, bringt mich selber auch voran", so die Managementtrainerin. "Denn dadurch kann ich meine Werte multiplizieren und Gutes an junge Menschen weitergeben."
 
Von Sabine Olschner