Manager in der Pflicht

Manager tragen eine hohe Verantwortung und können erhebliche Schäden anrichten, denn wer hoch hinaus will, kann auch tief abstürzen und andere mit in den Abgrund reißen. Für sie schließen Firmen spezielle Haftpflichtversicherungen ab, im internationalen Sprachgebrauch Directors and Officers Liability (D&O) genannt. Doch die Assekuranzen stellen sich oft quer, wenn sie gebeten werden, Schäden zu regulieren.

Vielfach beklagen sich Mitarbeiter, dass sie die Fehlentscheidungen ihrer Chefetage bitter büßen müssen. Hier werden kurzerhand Gehaltseinbußen verordnet, dort in Windeseile komplette Standorte geschlossen - dagegen rechtlich einzuschreiten ist für Beschäftigte aussichtslos. Schließlich gehört es inzwischen zum "guten" Ton, durch Personalabbau die Gunst von Aktionären zurückzugewinnen.

Kapitaleigner hingegen sitzen am längeren Hebel: Können sie Top-Führungskräften schadhaftes Verhalten nachweisen, klagen sie auf Schadenersatz. Als Ex-DaimlerChrysler-Boss Jürgen Schrempp entgegen der offiziellen Lesart mitteilte, bei dem Mega-Deal zwischen den deutschen und amerikanischen Autobauern habe es sich um eine Übernahme und nicht um eine Fusion gehandelt, erstritten Aktionäre 300 Millionen Dollar Schadenersatz. Knapp 5 Millionen Euro machte VW erfolgreich geltend, weil sich der Konzern von Arbeitsdirektor Peter Hartz hinters Licht geführt fühlte.

Tatsächlich sind solche spektakulären Fälle eher die Ausnahme, die allermeisten werden ohne öffentliche Anteilnahme abgewickelt. "Man redet nicht gern darüber", sagt die Münchener Rechtsanwältin Sonja Drexl-Trautmann, "weil damit ein hoher Imageschaden verbunden ist." Fakt ist: Wer heute etwa als Geschäftsführer keine entsprechende Versicherung hat, handelt schlicht fahrlässig. Der bloße Besitz der Police reicht freilich nicht aus. Um bei einem Rechtsstreit auf der sicheren Seite zu sein, sollte man auch einige Ratschläge beherzigen.

Experten zufolge sind Manager gut beraten, einen versierten Anwalt allein für das Ausfüllen des Fragebogens hinzuzuziehen. Diese Aufgabe, so Drexl-Trautmann, werde oft "stiefmütterlich" behandelt. Vielfach kalkulieren D&O-Versicherungen genau dieses Manko ein und sperren sich folglich gegen "unvollständig" oder "falsch" ausgefüllte Fragebögen. Ein weiterer Tipp: Weil vor der formalen Anspruchserhebung immense Beratungskosten anfallen, sollten sich Manager mit gesonderten Vertragsvereinbarungen davor schützen, eventuell mit ihrem Privatvermögen geradestehen zu müssen.

Ist man erst mit einer D&O-Versicherung ins Gehege gekommen, benötigt man einen langen Atem. Die findigen Juristen der etwa 25 Anbieter, deren Prämieneinnahmen in Deutschland auf rund 500 Millionen Euro taxiert werden, lehnen zunächst grundsätzlich ab, Schäden zu regulieren, oder stellen nur einen Bruchteil dessen in Aussicht, was an sie herangetragen wird. Als DaimlerChrysler von der D&O-Versicherung 200 Mio. Euro verlangte, bot sie lediglich ein Achtel der Summe.

Wer heute eine Managerhaftpflicht abschließt, sollte sich nicht davon blenden lassen, dass die Preise für solche Policen seit Jahren sinken. Denn die Schadensregulierung ist ein zähes Unterfangen, das erhebliche Ressourcen bindet. Knackpunkt sind 18 Ausschlussklauseln, die salopp formuliert eigentlich jeglichen Versicherungsschutz unmöglich machen. Eines dieser Klauseln ist die "vorsätzliche Pflichtverletzung". Wirft die Assekuranz dem Manager dies vor, ist die Aussicht auf Schadenausgleich perdu. Hier gilt das Prinzip der Beweisumkehr: Möglichst lückenlos sollte dokumentiert worden sein, dass man bei schwerwiegenden Unternehmensentscheidungen, sei es eine Firmenübernahme oder der Umbau von Konzernstrukturen, ordentlich und gewissenhaft gehandelt hat.

Gut beraten sind Unternehmen, auch einen Wechsel in der Führungsriege oder Veränderungen der geschäftlichen Tätigkeit sorgfältig zu dokumentieren. Empfohlen wird zu prüfen, ob die bestehende Versicherung überhaupt noch alle Risiken umfasst: "Mindestens zweimal pro Jahr", hält Drexl-Trautmann für angemessen. Dennoch ist die Gefahr einer unbefriedigenden Schadenregulierung nicht gänzlich zu bannen. Kein Wunder, dass inzwischen Zusatzpolicen angeboten werden, die solche Unsicherheiten aus der Welt schaffen sollen.
 
Von Winfried Gertz