Manager in der Kompetenz-Kritik

Stapelte man die unzähligen Trainingsangebote für Manager, die ihre Führungskompetenzen verbessern wollen, einmal aufeinander, der Turm würde bis zum Mond reichen. Doch außer Spesen nichts gewesen: Entweder nimmt niemand an den Seminaren teil oder der Lernstoff wird nachher schnell vergessen - zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie. Chefs aufgepasst: Lange lassen sich Eure Mitarbeiter diese Ignoranz nicht mehr bieten!

Bereits zum dritten Mal hörte sich die in Brüssel ansässige Unternehmensberatung Krauthammer unter europäischen Angestellten um, was sie mit ihren Vorgesetzten so alles erleben. Um es vorwegzunehmen - die Bilanz könnte schlimmer nicht sein: Wie bereits in den Jahren zuvor klafft eine große Lücke zwischen den Wünschen der Mitarbeiter, was eine Führungskraft auszeichnen sollte, und der Realität. Gut ein Drittel der europäischen Manager legt demnach ein Verhalten an den Tag, das in der Schule nur die Noten "mangelhaft" oder sogar "ungenügend" verdient hätte.

Führungskompetenz beweisen nur wenige
"Nehmen Sie sich in Acht", warnt Krauthammer-Vorstand Roland Meijers nachdrücklich vor solcher Ignoranz. "Sonst verlassen High Potentials Ihr Unternehmen selbst in der Krise." Das fängt schon beim Zuhören an, einer Führungseigenschaft, die unstrittig wichtig ist. Auf Kongressen hört man viel davon, keine Frage, tatsächlich wird Zuhören nicht hinreichend praktiziert. Nur ein Lippenbekenntnis? Viele Manager begegnen dieser Forderung mit einer Mischung aus Arroganz und Ignoranz: "Das habe ich schon als Junior hinter mir gelassen."

Detailliert zeigt Krauthammers Untersuchung, welch große Lücken zwischen Anspruch und Wirklichkeit klaffen. Ingesamt 27 Führungseigenschaften, die sich Mitarbeiter von ihren Chefs erhoffen, wurden auf ihren Erfüllungsgrad hin untersucht. Wie bereits in den letzten beiden Studien rangieren erneut ganz oben auf der Prioritätenliste der Wünsche: Gemeinsam mit dem Vorgesetzten über Sinn und Unsinn von Aufgabenstellungen diskutieren können, was sich 95 Prozent der Befragten erbitten, aber lediglich 52 Prozent erfahren. Oder die Hoffnung, dass Manager begangene Fehler offen zugeben. Das wünschen sich 80 Prozent, doch nur 43 Prozent können sich glücklich schätzen, derart kompetente Chefs zu haben.

Leistungsträger vor dem Absprung
Freilich ergeben sich weitere Hinweise auf offenkundig unzureichend qualifizierte Führungskräfte. Gute Mitarbeiterführung erweist sich zum Beispiel daran, genug Raum zur Entfaltung zu gewähren. Das wünschen sich immerhin 83 Prozent der befragten Angestellten, doch nur jeder Dritte kann dies auch bestätigen. Ebenso groß ist der Wunsch, beim Delegieren von Aufgaben auch die individuelle Entwicklung zu berücksichtigen, was nur einem Drittel zuteil wird. Auch der Wunsch, die eigene Problemlösungskompetenz zu verbessern, stößt offenkundig auf taube Ohren. Zwei von drei Angestellten haben keinen Chef, der ihnen zeigt, wie sie es anstellen.

Die Unternehmensberater schlagen Alarm: Die Bindung der Mitarbeiter an ihren Betrieb ist beunruhigend niedrig, warnen sie. Manager, die meinen, sie könnten sich auf ihre High Potentials verlassen, um die aktuelle Wirtschaftskrise zu überstehen, obwohl sie von ihnen schlecht geführt werden, "tun gut daran, noch einmal nachzudenken", so die Bilanz.
 
Von Winfried Gertz