Manager-Seminare - Im Angesicht der Kreatur

Aus dem Ruder gelaufene Führungskräfte, die ihre Mitarbeiter schikanieren oder Manager, die nicht mehr von ihrem Egotrip herunterkommen, schickt man neuerdings auf ganz besondere Seminare. Die Konfrontation mit Herdentieren oder Primaten soll ihnen helfen, aus dem Nirwana zurückzukehren. Sie erfahren hautnah, wie ihre Umwelt auf sie reagiert. Sie verstehen, was sie anrichten mit ihrer Show.

Wenn Konrad G., Finanzchef eines Frankfurter Chemieunternehmens, im Büro Tacheles redet, fängt sogar die Tippse im letzten Zimmer vor der Drehtür an zu bibbern. "Nur Versager um mich herum", krakeelt der 45-jährige Manager mindestens zweimal täglich. Chancen zur Gegenrede? Fehlanzeige. Niemals würde G. in den Sinn kommen, sich klugen Argumenten von Kollegen zu öffnen. Kurz: Als Führungskraft ist G. gnadenlos gescheitert.

Alternative Trainings für überhebliche Führungskräfte
Könnte man G. noch hinbiegen? Die klassischen Ansätze zumindest kommen kaum in Frage: Coaching, ein Seminar über soziale Kompetenzen - geschenkt. Solche Dinge nehmen Manager vom Schlage G.s ohnehin nicht ernst. Der Irrglaube, nur sie allein könnten die Geschicke ihres Betriebs lenken, hat sich bei ihnen in Mark und Bein eingebrannt. Droht nun der Rauswurf in letzter Konsequenz?

Nein. Denn das Weiterbildungsfüllhorn hat eine interessante Alternative parat. Auf den ersten Blick wird G. damit wenig anfangen können, man muss schon alle Register ziehen, damit sich ein Manager vom alten Schlage etwas bewegt. Die Lösung heißt quasi: Back to the Roots. In der Konfrontation mit Tieren, die keine Antenne für menschliche Hinterlist und politische Chuzpe besitzen, dafür umso besser spüren, ob jemand es gut mit ihnen meint oder nicht, lernen überspannte Führungskräfte wie G., was mit ihnen schief gelaufen ist.

Herunter vom hohen Ross
Ein Beispiel für einen solchen "tierischen Coach" ist das Pferd. Es merkt sofort, ob der Mensch sicher oder unsicher ist, eine natürliche Autorität besitzt oder sich hinter einer Maske versteckt. Scheu und unbelastet von Strategien und Psychospielchen, verhält es sich wertfrei und unmittelbar. Es folgt allein, wem es vertraut.

Auch beim Affen, insbesondere dem Schimpansen, der immerhin 98 Prozent seiner Gene mit uns Menschen teilt, läuft das übliche Chefgebaren in die Irre. Wer genau hinsieht, erkennt die Muster der Kommunikation, etwa das gegenseitige Lausen. Nicht anders geht es in Betrieben zu: Man knüpft Kontakte, trifft sich zum Kaffeeklatsch oder einem kurzen Plausch auf dem Flur. Wer als Chef auf die Kraft der Kommunikation vertraut, das zeigt das tierische Beispiel, stärkt seine Position in der Gruppe. Und nur dann wird man auch als Chef akzeptiert.

Sich selbst einmal zum Affen machen, muss also nicht zwangsläufig mit Autoritätsverlust einhergehen. Das hat G. verstanden. Dass er sich wie früher jeden Tag auf die Brust klopfen und mit den Zähnen fletschen musste, dieses Verhalten er inzwischen abgelegt. Lieber laust er sich mit der Sekretärin.
 
Von Josef Bierbrodt