Mal eben einen zwitschern

So ändern sich die Zeiten. Bedeutete "einen zwitschern" vor nicht langer Zeit noch so viel wie sich zum Bier verabreden, um bei einigen Gläschen den Alltag zu vergessen, ist dieser kommunikative Urknall nun ins virtuelle Reich des Daumendaddelns geraten. Gezwitschert, sorry, "getwittert" wird nun auf mobilen Kleinstcomputern. Rheumatologen wird's freuen.

Twittern zieht die Trendsetter und "Follower" in Scharen an. "Hallo, ich sitze drei Reihen hinter Dir neben der Frau mit der roten Mähne." Spannend das. Auch die Meinung einer Pressesprecherin, die mit hohen Erwartungen zum Spiel Bayern gegen Barcelona nach München reiste, hat es in sich: "Zum gestrigen Live-Fußball noch kurz die Bemerkung, dass wir mehr Spaß beim englischen Spiel gehabt hätten." Ein paar Tage später dann dieser bemerkenswerte Hinweis: "So, für heute reichts. Ab aufs Fahrrad!"

Niemand ist gezwungen, belangloses Zeug zu lesen. Zeitungen sind voll davon, selbst sogenannte "Qualitätsblätter" sind nicht davor gefeit. Im Internet freilich türmt sich der Unrat zig Kilometer hoch. In den Foren, Chats, Blogs und nunmehr auch im Web-Kurznachrichten-Dienst Twitter könnte die von der aktuellen Krise gebeutelte Recyclingbranche, mal das Abwrack-Zwischenhoch ausgerechnet, ein florierendes Betätigungsfeld finden.

Ist nun die Tyrannei der Schnatterer und Zwitscherer ausgebrochen? Was wird aus der purer Eitelkeit geschuldeten Senderblase? Kritiker argwöhnen bereits, dass Twitter, als neuartiges "Kommunikationsmedium" gestartet, inzwischen zur "Statustuningwerkstatt" verkommen sei. Schon wappnen sich die Attackierten mit "Twitter-Bibeln", diktiert von "Twitter-Päpsten". Wie bitte? Neueren Untersuchungen zufolge ist die deutsche Twittergemeinde doch jung (32 Jahre), männlich (74 Prozent) und gebildet (78 Prozent haben Abitur). Und nun ein Glaubenskrieg, bloß weil man fragt: Was machst Du gerade? Na dann Prost.
 
Von Josef Bierbrodt