Laterales Denken

Die Polit-Talkshow führt uns allabendlich ein ähnliches Bild vor: Intelligente Menschen versuchen uns eloquent von "ihrer" Wahrheit zu überzeugen und hinterlassen beim Zuschauer enttäuschte oder leere Gesichter, weil in der Wissens-Austausch-Runde mal wieder ein wichtiges Detail fehlte: das Denken.

Ein großer Teil unserer Diskussions-Praxis in Politik und Wirtschaft wird durch das "Konfrontationssystem" bestimmt, bei dem eine Seite angreift und sich die andere verteidigt, obwohl dadurch effektives Denken und damit Lösungen verhindert werden. Denn zum einen werden beide Seiten durch das ständige Angriffs- und Verteidigungsdenken immer starrer und sind damit nicht mehr aufnahmefähig für Neues, zum anderen wird die meiste Energie darauf verwendet, den Gegner zu widerlegen.

Eingefahrene Denkmuster durchbrechen
Laut dem Psychologen Edward de Bono entwickelte sich diese Methode, vereinfacht gesagt, aus der Kirchengeschichte, die sich über Jahrhunderte gegen Kritiker zur Wehr setzen musste. Hinzu kam die Tradition der Aufklärung mit der Jagd nach der einen "Wahrheit", die dann mit aller Kraft belegt oder verteidigt wird. Gerade intelligente Menschen laufen schnell Gefahr das Denken zu verlernen, da ihnen durch ihre Eloquenz und ihren hohen Wissensstandard die Untermauerung ihrer Denkmuster leicht fällt und sie dafür beim Gegenüber Bewunderung erfahren. Genau diese Denkmuster zu verlassen, darum geht es Edward de Bono in seiner über vierzigjährigen Forschungsgeschichte über das Denken.

Dr. de Bono studierte Medizin und Psychologie und gilt seit den 1960er Jahren als Pionier des "Nachdenkens über das Denken". Von ihm stammt der Begriff "laterales Denken", der den Weg ins Oxford English Dictionary geschafft hat. Diese Methode wird heute von großen Unternehmen, Universitäten und Schulen auf der ganzen Welt zur Entwicklung neuer Ideen verwendet.

De Bono vergleicht die Intelligenz eines Menschen gerne mit den Pferdestärken eines Autos, die bei uns genetisch mehr oder weniger festgelegt ist. Wie gut wir mit dieser "Hardware" umgehen können, hängt aber vom Können des Fahrers ab. Um im Bild zu bleiben: Der Großvater schleicht im Mercedes langsamer um die Kurve als seine agile Tochter im Fiat Panda.

Um die Ecke denken
"Laterales Denken" heißt wörtlich übersetzt erst einmal seitwärts, und bedeutet im Gegensatz zum bekannten "vertikalen Denken", dass sprichwörtlich "um die Ecke" gedacht wird, um neue Sichtweisen zu erkunden. Dabei können der Zufall oder scheinbar unwahrscheinliche Richtungen eine Rolle spielen, denn beim lateralen Denken muss nicht jeder Schritt logisch auf dem vorhergehenden aufbauen. Große Erfindungen und wissenschaftliche Ideen sind oft Zufallsprodukte gewesen oder sind schlicht aus Fehlern entstanden. Rückblickend betrachtet erscheint uns die Entdeckung dann "logisch", der Umkehrschluss, dass auch der "Hinweg" logischen Gesetzen folgen muss, gilt aber nicht.

Ein gutes Beispiel für laterales Denken bietet der Humor, der laut de Bono in unserer Denkkultur viel zu stiefmütterlich und abfällig behandelt wird, denn ein guter Witz spielt genau mit dem Wechsel von Denkmustern. Wenn unsere Erwartungshaltung einer "Logik" folgt und diese dann gebrochen wird und auf einer anderen Spur endet, sind wir amüsiert.

Die Wahrnehmung schulen
Um das laterale Denken zu trainieren, hat Edward de Bono verschiedene Werkzeuge entwickelt, die sich auf die unterschiedlichsten Aufgabenstellungen anwenden lassen. Bei all diesen Werkzeugen wird vor allem die Wahrnehmung geschärft, denn Denken heißt meistens "wahrnehmen". Bezeichnungen wie "PMI" oder "AMA" sollten Sie nun nicht abschrecken, sich mit diesen Anwendungen zu beschäftigen. Das erste Kürzel steht beispielsweise einfach für Pluspunkte, Minuspunkte und interessante Punkte. Bekannt geworden ist de Bono durch seine "Sechs Hüte des Denkens", bei dieser Methode steht jeder Hut für einen Aspekt eines Problems, mit dem man sich beschäftigen will. Man wechselt einfach den Hut, also den Blickwinkel, und kann so verschiedene Aspekte wie beispielsweise Emotionen, Fakten oder Risiken einer Aufgabe getrennt betrachten.

Wer also an echten Lösungen interessiert ist, sollte seine Auffassung, "kritisches" Denken genügt, gelegentlich auf den Prüfstand stellen.
 
Von Manuel Boecker