Kurz vorm Durchdrehen

Niemand hat Zeit. Alles Mögliche muss schnell erledigt werden. Aufschieben ist verboten. Was Du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen: Diesen Spruch beherzigten schon unsere Großväter. Doch sie kannten keinen Computer. Und dass Menschen einmal das Telefon am Ohr klebt, weil sie der Außenwelt alles und nichts mitteilen wollen, diese Prognose hätten sie nicht einmal dem Papst ernsthaft abgenommen.

Einfach lächerlich das. Während in Familien der Trend zum Dritt- und Viertwagen geht, gibt es inzwischen mehr Telefone als Bundesbürger. Im Business funken die bemitleidenswerten Schlipsträger inzwischen mit dem Zweithandy, Blackberry genannt, um die Wette. Längst ist man mit dem Handy am Ohr am Puls der Zeit, selbst wenn der nervtötende Klingel-, Mail- und Laber-Overkill einen spätestens am Wochenende völlig erschlagen auf die Matte schickt. Der arme Partner!

Alles gleichzeitig erledigen liegt im Trend
Multitasking hat schleichend Besitz von uns ergriffen. Vorm PC an der Pizza kauen, beim Joggen den nächsten Deal einfädeln - kein Problem. Doch die zwanghafte Parallelisierung von Alltagstätigkeiten ist vielen nicht bewusst. Ihre Konsequenzen sind es schon gar nicht. Multitasking, in der Arbeitswelt auch mit dem Begriff der Arbeitsverdichtung umschrieben, törnt zuerst an, dann aber ab. Am Ende droht der Burnout. In Japan nehmen sich Tausende das Leben, weil sie einfach nicht "Stopp" sagen können.

Klar, dem Gott Chronos sind wir hoffnungslos ausgeliefert. Gnadenlos tickt der Zeiger der Deadline, der Prüfung oder dem bedrohlich heranrückenden Projektende entgegen. Gelegenheit, um Zeit totzuschlagen und im Biergarten die Seele baumeln zu lassen, wird einfach nicht gewährt. Eins nach dem anderen: Was so altbacken daherkommt, ist gar nicht so schlecht. Ein Rettungsring - wer weiß? Wer alles auf einmal erledigen will, erzielt schlechtere Ergebnisse. Das ist erwiesen. Wird dem Gehirn zuviel zugemutet, schaltet es den Akku einfach um 20 bis 40 Prozent herunter.
 
Von Max Leonberg