Kreativität als wichtige Unternehmensressource

Kreativität ist notwendig, damit ein Unternehmen flexibel im Markt agieren und eine tragfähige Zukunftsvision entwickeln kann. Dabei sind Ideenreichtum und Gestaltungskraft nicht allein eine Frage der Begabung. Mit den richtigen Techniken lässt sich Kreativität bewusst freisetzen - im Management und bei den Mitarbeitern.

"Der zweifellos wichtigste Aspekt der Strategieentwicklung ist der kreative Akt der Neuerfindung", erklärt Dr. Reinhart Nagel, Strategieberater und Geschäftsführer der OSB Wien Consulting GmbH. Häufig aber bestehe ein Mangel an Bewusstsein für die kreative Freiheit, die eine erfolgreiche und konstruktive Unternehmensgestaltung erst möglich mache. Vielen Führungskräften fällt es außerdem schwer, eine selbstkritische Distanz zum Status quo des Unternehmens einzunehmen. Doch nur mit dieser Haltung lassen sich alternative Vorstellungen entwickeln und entsprechende Umsetzungsstrategien festlegen, die das Unternehmen in eine alternative Zukunft führen. An erster Stelle steht laut Dr. Nagel deshalb die Frage: "Durch welche Formen konstruktiver Diskussion wird die strategische Intelligenz des Unternehmens mobilisiert?"

Eine klassische Kreativitätstechnik ist der Entwurf eines Zukunftsszenarios. Dieses wird vor allem dann im Strategieprozess eingesetzt, wenn bisher kaum über die kommende Entwicklung des Unternehmens nachgedacht wurde. Die Arbeit mit Szenarien verschafft den Beteiligten eine umfassendere Problemsicht, zwingt sie zur Reflexion ihrer eigenen Sichtweisen und verschafft ihnen Raum, alternative zukünftige Situationen zu entwerfen. Szenariodenken, so bringt es Reinhart Nagel auf den Punkt, ist "der gezielte Versuch, sich der prinzipiellen Unberechenbarkeit der Zukunft zu stellen, Trends und Entwicklungen zu erkennen und die Konsequenzen für das Unternehmen schon im Vorhinein zu durchdenken".

Dazu ein Beispiel: Ein mittelständischer IT-Dienstleister steuert auf Expansionskurs. Die Unternehmensspitze ist sich im Klaren darüber, dass massive Umstrukturierungen auf das Unternehmen zukommen, insbesondere im HR-Management. Daher lädt man ein Beraterteam ins Haus, um im Rahmen eines Workshops verschiedene Szenarien durchzuspielen. Es entstehen mehrere Handlungsalternativen: Outsourcing der Personalarbeit in Teilen oder komplett, entsprechend variable Zeitpläne für Recruiting-, Trainings- und Weiterbildungsmaßnahmen, sowie die Priorisierung von Nebenprojekten, die indirekt mit der Expansion verbunden sind. Der Vorteil: Das Leitungsteam schafft Optionen, um die Vergrößerung des Unternehmens und die damit verbundene Personalarbeit steuern zu können, ohne dabei Flexibilität einzubüßen oder ungewollte "Wucherungen" zu riskieren.

Wer neue Lösungen will, muss offen sein für neue, auch unkonventionelle Ideen. Das lässt sich lernen. Insbesondere kreative Denkstile können mit Trainings aktiv gefördert werden - sofern das Management dazu bereit ist. Aber auch durch aktives Eingreifen in das Problemumfeld lässt sich Kreativität fördern: Die gezielte Auseinandersetzung mit hemmenden Einflüssen und Denkblockaden ist dabei ebenso hilfreich wie bewusst eingesetzte Kreativitätstechniken: Brainstorming ist wohl die bekannteste Methode, möglich sind zum Beispiel auch die schriftliche Variante (Brainwriting), Mind-Mapping oder Analogiemethoden (wie etwa die Bionik).

Das A und O jedoch ist ein anregendes Arbeitsklima: "Eine gut kooperierende Gruppe stimuliert und unterstützt kreative Problemlösungs- und Gestaltungsprozesse", betont Siegfried Preiser, Kreativitätsforscher und Professor für Pädagogische Psychologie an der Universität Frankfurt/Main. Es komme deshalb nur darauf an, "die Gruppenbeziehungen optimal zu entwickeln". Und das fängt beim einzelnen an. Für die wichtigsten am Strategieprozess beteiligten Manager und Mitarbeiter empfiehlt sich deshalb nicht nur ein Training verschiedener Kreativitätstechniken, sondern auch die Förderung der sozialen Kompetenz als Grundlage kreativen Schaffens. "Letztlich geht es im Kern darum", so Reinhart Nagel, "Organisationen zu befähigen, mit Unsicherheit konstruktiv umzugehen".
 
Von Anne Jacoby und Carsten Henning