Kreative Berufe - was die Zukunft bringt

Wohlstand und wirtschaftliche Größe, inklusive des Exportweltmeistertitels, erreichte Deutschland in den letzten Jahrzehnten vor allem durch seine industrielle Basis. Doch der Produktionsstandort Deutschland, Arbeitsplatz für Millionen von Industriearbeiten, Ingenieuren und Verwaltungsangestellten ist durch Abwanderung in Niedriglohnländer bedroht. Die wirtschaftliche Zukunft gehört der "kreativen Klasse", doch typisch deutsche Tugenden wie der allgegenwärtige Drang zur Perfektion und eine Politik, die Wachstumsmöglichkeiten nur in Reformen des Arbeitsmarktes erkennt, verhindern Innovationen und den benötigten "Boom" der kreativen Berufe.

Weltweit arbeiten etwa 25 bis 30 Prozent aller Menschen in einem im weitesten Sinne kreativen Sektor. Dazu gehören der Kulturbereich mit Kunst, Musik und Design, der große Bereich der Forschung und Entwicklung in Wissenschaft und Technologie und teilweise das Rechts- und Finanzwesen. In Deutschland liegt dieser Anteil noch deutlich unter 20 Prozent, wird aber in den nächsten Jahren enorm steigen.

In der kreativen Klasse steckt noch viel Potenzial
Der amerikanische Ökonom Richard Florida sieht, im Gegensatz zu der ewigen Diskussion um die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes, einen Schlüssel für anhaltendes und schnelles Wachstum im Erstarken der so genannten "Creative Class", denn mit abnehmender Produktionsarbeit gewinnen Personen mit einem hohen "Humankapital" an kreativen Fähigkeiten enorm an Bedeutung.

Dass der kreative Output einer Gesellschaft in der Vergangenheit auf wenige Köpfe beschränkt blieb, liegt aber weniger an der Ideenlosigkeit der Werktätigen als viel mehr an den klassischen Arbeitsbedingungen. Die breite Masse bestätigt durch Geld und Karriereanreize ihren sozialen Status und verschwendet darüber hinaus wenige Gedanken an ihre Arbeit, denn ein übermächtiger Staat nimmt dem Bürger die Last der Freiheit und den Willen zur Eigenverantwortung ab.

Neue Werte für den Arbeitsmarkt
Die Vertreter der "kreativen Klasse" versuchen diese Abhängigkeit zu verlassen, neue Märkte zu entdecken und selbständige Existenzen aufzubauen. Damit einher geht ein Wertewandel, weg von Perfektion und Praktikabilität, hin zu neuen Herausforderungen, Spielräumen, Impulsivität und mehr Lebensqualität.

Für Florida garantieren drei Punkte die Ansiedelung von Kreativen in einem bestimmten Raum oder Ort: Technologie, Toleranz und Talent. Talent bezeichnet die Menge der Bewohner einer Stadt oder Region, die als Angestellte oder Selbständige besonderes kreatives Potential besitzen. Technologie steht für eine Konzentration von Hochtechnologieunternehmen an einem Ort, beispielsweise Softwarefirmen oder wissensintensive Branchen wie Forschungs- und Entwicklungsinstitutionen. Der dritte Faktor eines attraktiven Standorts für die kreative Klasse ist Toleranz und beschreibt die Öffnung und Akzeptanz einer Gesellschaft in Bezug auf Homosexuelle, Migranten, unterschiedlichste Persönlichkeiten und Querdenker.

Viele Deutsche sind gehemmt
Besonderes Wachstum erfahren, laut Florida, Regionen, in denen diese drei Voraussetzungen erfüllt sind und die damit einen besonders hohen "Creativity Index" besitzen. Denn die beschriebenen Werte wie Weltoffenheit, Bildungsstärke und Zukunftsfähigkeit durch Technologie ziehen hoch qualifizierte Bewerber von außerhalb an, die genau dieses Klima für ihre individuelle Entwicklung suchen.

Teilweise lassen sich die Ergebnisse auch auf Deutschland übertragen, wie der sprunghafte Anstieg von Dienstleistungs- und Kulturbeschäftigten in einer ehemaligen Industrieregion wie dem Ruhrgebiet zeigt. Dass der Anteil der Kreativklasse in Deutschland geringer als im internationalen Vergleich ist, liegt sicherlich zu einem guten Teil an der klischeehaften "deutschen Identität". Der Hang zur Perfektion und die enorme Angst vor dem Scheitern verhindern hierzulande ein Interesse am Ausprobieren, Improvisieren und späterem Verbessern. An "Ideen" mangelt es vielen Deutschen nicht, doch die Hemmschwelle daraus wirklich ein marktfähiges Geschäft zu machen, liegt traditionell höher als die Risikobereitschaft, diese Ideen auch zu verwirklichen.
 
Von Manuel Boecker