Kleider machen Leute

Bei der morgendlichen Auswahl der Kleidung bleibt vielen Angestellten nur die Farbe der Krawatte als Ausdruck einer individuellen Tagesverfassung, der Rest ist durch den vorherrschenden Dresscode in der Firma bestimmt. Denn beim Kundentermin enden alle Freiheiten eines "Casual Friday".

Ende des 19.Jahrhunderts erschien die Novelle "Kleider machen Leute" des Schweizer Schriftstellers Gottfried Keller, in der ein Schneidergeselle wegen seiner teuren Kleidung für einen Grafen gehalten wird. Heute ist fast unmöglich und meist unerwünscht, sich durch sein Outfit von der Masse abzusetzen, da gerade im Geschäftsleben Einheitsuniformen wie Anzug und Schlips oder konventioneller Hosenanzug für die Damen obligatorisch geworden sind. Umso wichtiger werden die kleinen Unterschiede in der Qualität der Kleidung.

Je teurer die Kleidung, desto eindrucksvoller das Image
"Ab einer bestimmten Position wird sehr viel Wert auf gute Schnitte, Stoffe und Marken gelegt. Denn in den letzten Jahren ist der Dresscode im Berufsleben amerikanisierter und damit wieder konservativer geworden", meint Lisa Michalik, die als Stylistin unzählige Werbespots und Filme ausgestattet hat.

Denn Anzug ist nicht gleich Anzug, und trotz Finanzkrise und einer Neiddebatte um Managergehälter bleibt ein gut sitzendes und damit auch sichtbar teures Outfit ein absolutes "Muss". "In erster Linie geht es um die Präsentation einer Glaubwürdigkeit gegenüber dem Kunden, ein gut gekleideter Mensch schafft Vertrauen", so die Profi Stylistin Michalik. Unser Gehirn verlässt sich fast immer auf den berühmten ersten Eindruck, deshalb übertragen wir automatisch das Image teurer Markenkleidung auf den Träger.

Gut gekleidet aufs Treppchen
Das Gleiche gilt für die sogenannten kreativen Branchen. In Werbeagenturen oder Architekturbüros muss es zwar nicht unbedingt der Zwang zur Krawatte sein, doch auch hier wird getragen, was der Kunde erwartet. Also eher Jeans als Anzug, doch die richtige sollte es schon sein.

Arbeitgeber können ihre Mitarbeiter übrigens durch ihr Direktionsrecht zum Tragen angemessener Kleidung verpflichten, wobei laut Bürgerlichem Gesetzbuch die Interessen des Arbeitnehmers gegen die des Betriebes abgewogen werden müssen. In der Praxis kommt es jedoch so gut wie nie zu Streitfällen, da die meisten Arbeitnehmer mit der Wahl ihrer Kleidung gerne zeigen, in welche Branche oder auf welcher Position der Karriereleiter sie eingestuft werden wollen.
 
Von Manuel Boecker