Keine Lust auf Reisen

In der boomenden Dienstleistungsbranche wird Mitarbeitern viel abverlangt. Vor allem in den gut dotierten Jobs von Beratern und technischen Spezialisten wird erwartet, sich über Gebühr einzusetzen. Tausende Consultants pendeln unter der Woche hin und her. Doch immer mehr haben das Leben aus dem Koffer satt.

Man sieht sie sonntags auf den Flughäfen. Kaum ist das Wochenende herum, schon sind sie wieder auf dem Sprung. Spät abends im Hotel einchecken und früh ins Bett, denn anderntags um acht beginnt wieder eine arbeitsintensive Woche beim Kunden. Wer es schafft, kehrt am Donnerstag heim - zumindest zurück zur Firma, wo man freitags die Köpfe zusammensteckt, um über Projekte zu reden. Privatleben? Freunde und Bekannte lästern schon: "Altes Haus, Dich sieht man ja überhaupt nicht mehr."

Berater springen ab
Vor allem in den ersten Jahren nach dem Studium müssen Berater durch diese Tretmühle. Lange halten das die meisten jedoch nicht durch. Beispiel: SAP-Berater. 70 bis 80 Prozent wollen bei den Beratungshäusern aussteigen, weil der Burn-out droht, belegen Studien. Gerade die 30- bis 35-Jährigen haben die Nase voll vom ständigen Herumreisen. In dieser Lebensphase, wenn Familien gegründet werden, wollen die Experten nicht dauernd in Hotels fern der Scholle sein.

Die zunehmende Unlust auf Mobilität hat weitreichende Konsequenzen. Plötzlich werden Firmen als Arbeitgeber attraktiv, die man eigentlich nicht als Karriereetappe vorgesehen hatte. Statt beim Dienstleister, der sich mit internationalem Flair umgibt und überdurchschnittliche Gehälter zahlt, wird der berufliche Kurs beim Anwender fortgesetzt. Oft mittelständische Betriebe, bisweilen unbekannt - schick ist das gewiss nicht. Aber darum geht es auch nicht. Bei einer Firma in heimischen Gefilden können SAP-Profis Arbeit und Privatleben besser vereinbaren. Jeden Abend zuhause sein, vielleicht das schlagkräftigste Argument.

Bessere Work-Life-Balance
Neben der höheren Lebensqualität sehen viele SAP-Experten einen Vorteil darin, beim Anwender Projekte und Entwicklungen über einen längeren Zeitraum verfolgen zu können. Nun steht der SAP-Experte nicht mehr wie der Berater unter Druck, immer besser, schneller und effizienter zu sein als der Auftraggeber. Klar, man muss Abstriche hinnehmen, zum Beispiel beim Gehalt, das Studien zufolge um rund 15 Prozent niedriger liegt als bei einem Beratungshaus. Zudem sind Positionen mit Personalverantwortung bei Anwendern ziemlich dünn gesät. Wer also unbedingt Führungskraft sein will, ist bei Dienstleistern doch besser aufgehoben.

Die Abwanderungsbereitschaft vieler junger Kräfte kann den Beratungshäusern nicht egal sein. Immer mehr Dienstleister stemmen sich diesem Trend entgegen, indem sie zum Beispiel Heimarbeitsplätze einrichten, wo Mitarbeiter zumindest einen Tag in der Woche ihren Aufgaben nachgehen können. Bisweilen ist es sogar möglich, ein Sabbatical zu nehmen. Ein weitere Trend zeigt in die umgekehrte Richtung: So mehren sich Fälle, dass ältere SAP-Spezialisten, deren Kinder aus dem Haus sind, noch einmal eine Herausforderung suchen. Um ihrem Trott zu entfliehen, bewerben sie sich wieder beim Beratungshaus.
Von Josef Bierbrodt