Kein Praktikum ohne präzises Ziel

Versacken in lausigen Jobs ist Zeichen für unklare Wünsche. Wer nach dem Studium in einen Sumpf aus lausigen Jobs oder Praktika gerät, macht etwas falsch. Den ewigen Praktikanten fehlt Plan und Strategie, sind sich die meisten Berufsbildungsexperten einig. Um kein Faktotum zu werden, darf man nicht auf dem Sofa auf Chancen warten und jammern, sondern man muss sich seine Chancen erarbeiten, sagt Berufsberaterin und Buchautorin Uta Glaubitz.

Der erste Schritt zur Veränderung besteht im Stopp: Sie dürfen keinen Schritt in irgendeine Richtung gehen, bevor Sie nicht genau wissen, wohin Sie wollen, fordert Glaubitz kategorisch. Ein konkretes Ziel sei notwendig. Denn es sei sehr unwahrscheinlich, dass jemand zufällig einen guten Job erhalte. Dabei reiche es nicht aus, zu formulieren, ich will etwas mit Medien machen, mit Menschen zu tun haben und gut verdienen, spöttelt Glaubitz. Es müsse viel konkreter sein: Kameramann im Film oder Dramaturg im Theater könnte die Vorgabe lauten.

Der zweite Schritt bestehe darin, einen genauen Plan zu entwerfen, wie dieses Ziel erreicht werden soll. Dazu können Kurse gehören, um Defizite zu beseitigen. Der Kameramann in spe sollte deshalb vielleicht einen Kursus über Schnittsysteme belegen. Bücher gehören außerdem genauso dazu wie Praktika oder der Besuch der entsprechenden Fachmessen. Beim Praktikum gilt es, sich nicht billig zu verkaufen. Es darf nicht nur ums Kopieren gehen, warnt Nadine Nöhmaier. Wer sich schnell und billig abspeisen lässt, hat keine Chancen. Sie hat mit ihrer Kollegin Heidi Keller das Buch Praktikumsknigge geschrieben. Nöhmaier empfiehlt, nach einem Praktikum mit dem Unternehmen in Kontakt zu bleiben und sich immer wieder zu melden: Das Studium ist abgeschlossen? Der erste Job angenommen? Dann sollte das die Sekretärin als Machtzentrale umgehend wissen.

Nach maximal vier Praktika sollte die Notbremse gezogen werden, sagt Keller. Jobben ist besser als noch weitere Praktika zu machen. Auch Glaubitz rät dazu: Wenn ich Konzertveranstalterin werden will, kann es sinnvoll sein, als Überbrückung im Security-Bereich oder als Roadie zu arbeiten. Denn dadurch würden Einblicke in die Branche möglich, Kontakte hergestellt und Geld verdient. Generell gilt fürs Praktikum und Job: Die neue Beschäftigung soll stets besser sein als die vorhergegangene. Ich muss immer eine Stufe höher als vorher steigen. Das sei strategisches Denken für Anfänger, aber daran fehlt es den meisten, kritisiert Glaubitz.
Auch die geplante Weltreise, die bisher nur als Urlaub nach dem Studium geplant war, sollte genutzt werden. Wenn ich ein Café aufmachen will, kann ich mir über die besuchten Bars, Kneipen und Cafés in der Welt Notizen machen. Mit einem solchen Vorgehen verhindere man, nach der Rückkehr in ein schwarzes Loch zu fallen und aus Verzweiflung einen Businesskurs in Englisch zu belegen, obwohl man vielleicht als Rechtsanwältin für Zwangsverheiratete eher arabisch braucht, warnt die Jobexpertin.

Wer als Akademiker 50 Bewerbungen für einen Job oder ein Praktikum geschrieben hat und noch keine Antwort darauf, der macht etwas falsch, ist sich Glaubitz sicher. Meist würden dann Regeln verletzt, an die sich jeder Anfänger halten sollte. Nur wer die Regeln beherrscht, kann damit auch spielen, betont sie. Erst später, wenn sich der Erfolg einstellt, könne man Regeln auch in Frage stellen und sich freier verhalten. Und noch einen Tipp gibt Glaubitz: Das Ziel darf man sich nicht ausreden lassen. Zu häufig würden formulierte Ziele gleich vom Partner als nicht realisierbar eingestuft.

Wer jedoch dabei schwächelt, dem droht eine Alibi-Karriere: Das fängt damit an, dass jemand zur Bank geht, weil im Dorf ein Platz für eine Lehre frei geworden ist, erzählt Glaubitz aus ihren Seminaren. Der Vater sage dann, die Banklehre sei doch eine gute Grundlage. Deshalb macht es der Junge, obwohl er den Job von Anfang an hasst. Nach der Lehre will er eigentlich Theaterwissenschaft studieren. Aber die Freunde und Eltern reden es ihm aus. Hast doch eine Banklehre - warum studierst Du nicht BWL? Der Junge studiert BWL - obwohl er es vom ersten Tag an hasst. Er quält sich durchs Grundstudium. Mach doch erst mal Deine Zwischenprüfung, heißt es dann. Und nach der Zwischenprüfung: Jetzt hast Du so viel Zeit investiert, jetzt schließ das Studium doch ab. Und so geht das weiter - bis zur völligen Unzufriedenheit mit dem Job und dem eigenen Scheitern.
 
Von Peter-Paul Weiler