Karrierebremse Homosexualität?

"Ich bin schwul - und das ist auch gut so", dieser mittlerweile legendäre und dutzendfach abgewandelte Satz des Berliner Bürgermeisters Klaus Wowereit hat in den letzten Jahren viel zur öffentlichen Akzeptanz von schwulen Politikern beigetragen. Im Unterschied zur Kunst- und Kulturszene, wo der Umgang mit Homosexualität erfahrungsgemäß am offensten ist, tut sich die Wirtschaft jedoch mit schwulen/lesbischen Fach- und Führungskräften eher schwer.

Grundsätzlich belegen wir in unserem Arbeitsalltag neue Kollegen mit einer heterosexuellen Vorannahme, solange sie sich am Arbeitsplatz geschlechtsrollenkonform verhalten. Schwule und Lesben geraten am Arbeitsplatz aber schnell in eine Zwickmühle, denn die Verheimlichung der sexuellen Identität mit erfundenem Lebenspartner oder Ähnlichem kann auf der einen Seite äußerst anstrengend werden, anderseits wird die Verweigerung privater Erzählungen von den Kollegen oft als Arroganz ausgelegt und führt eventuell genauso zu Diskriminierungen wie der dritte Weg, nämlich ohne Scheu die gleichgeschlechtliche Identität offen zu legen.

Vorurteile gegen Homosexualität halten sich
Genau damit hat Dr. Christof Brauers, Studiendirektor in einer norddeutschen Kleinstadt, beste Erfahrungen gemacht. "Nach meinem Berufswechsel vom Fernseh-Journalisten zum Lehrer hatte ich eigentlich, gerade auf dem platten Land, mit Akzeptanzproblemen gerechnet. Mittlerweile weiß vom Hausmeister bis zum Abiturienten jeder, dass ich schwul bin - und die Reaktion war nada, null, niente."

Dennoch stieß auch Brauers in seinem Berufsleben als Journalist auf ein klassisches Vorurteil gegenüber Homosexuellen, nämlich in entscheidenden Situationen nicht durchsetzungsstark zu sein. "Hier gilt eben, wovon Frauen seit Generationen ein Lied zu singen wissen: Man muss einfach besser sein als mögliche (heterosexuelle) Mitbewerber." Nach seiner Beförderung durfte sich Brauers übrigens vom Programmchef das "Kompliment" anhören, dass er sich ja doch gut durchsetzen könne und dabei sogar ganz umgänglich bliebe.

Die Geschäftswelt hält sich bedeckt
Führungsetagen sind bis heute geschlossene und eher konservativ abgeschottete Kreise, ein "old-boys-network", bei dem Frauen und schwule Männer meist ausgeschlossen sind. Denn der Arbeitstag der Führungskräfte endet nicht an der Bürotür, sondern verpflichtet auch zu häufigen Geschäftsessen und privaten Einladungen. Und ein gleichgeschlechtlicher Lebenspartner ist bei solchen Anlässen nicht gern gesehen. Der ehemalige BP-Chef John Browne erschien bei Einladungen meist mit seiner Mutter, bis er sich nach über vierzigjähriger Betriebszugehörigkeit unter dem Druck der gnadenlosen Boulevardpresse outete.

Obwohl sich die Gesellschaft seit Jahren hin zu einem entspannteren Umgang mit Homosexualität entwickelt, halten immer noch laut einer Studie der Universität Köln 52 Prozent der schwulen/lesbischen Mitarbeiter ihr Privatleben geheim. Diese Zahl ist in den letzten zehn Jahren zwar gesunken, trotzdem könnte man im Jahre 2008 doch eher einen anderen Wert annehmen.

Schlagwort: Toleranz
Eine mögliche Begründung findet sich vielleicht im von der Gesellschaft zu leichtfertig gebrauchten Wort "Toleranz", welches heutzutage zum Gut-Menschen-Modewort zu verkommen droht. Denn echte Toleranz bedeutet, etwas zu akzeptieren, was mir nicht gefällt, es aber trotz dieser Ablehnung bis zu einer gewissen Grenze zu tolerieren. Deshalb ist die landläufige Haltung "Homosexuelle stören mich nicht", oder auch "dazu habe ich keine Meinung", nicht tolerant, sondern schlicht indifferent. Erst wenn aus dieser Indifferenz auch echte Toleranz wird, kann sich der gesellschaftliche Umgang mit Homosexualität wirklich normalisieren.

Beratung und Unterstützung für ihr Arbeitsleben bekommen Schwule und Lesben beispielsweise beim Völklinger Kreis, dem Bundesverband schwuler Führungskräfte, oder den Wirtschaftsweibern, dem Verband lesbischer Fach- und Führungskräfte.
 
Von Manuel Boecker