Karriere in der Krise

Hinter dem Begriff "Credit Crunch" verbirgt sich für viele Beschäftigte in der Finanzbranche der blanke Horror. Banker verlieren ihre Jobs, und in den Finanzabteilungen der Industrie werden Nachtschichten gefahren, um das Ärgste abzuwenden. So schlimm die Lage auch scheint, gerade jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, über die eigene Karriere nachzudenken.

Viele Firmen nutzen die aktuelle Krise, um sich neu aufzustellen. Dabei zeigt sich, dass Personalentwicklung keineswegs das bisweilen diskreditierte "Thema aus der Psychoecke" ist: Warum Mitarbeiter ein Training besuchen, wird oft als nebulös empfunden. Und die Ergebnisse solcher Maßnahmen werden kaum in herkömmliche Kennzahlen verpackt. In einer rational durchdeklinierten Controlling-Welt hat das keinen Platz.

Nachwuchs in den Startlöchern
Doch gerade in schwierigen Phasen zahlt sich Personalentwicklung aus, wenn sie über ein herkömmliches Trainingsangebot hinausgeht. Das Zauberwort heißt Nachfolgeplanung. Rechtzeitig identifizieren Firmen die größten Talente, bereiten sie behutsam auf künftige Herausforderungen vor und schicken die Kandidaten zum richtigen Zeitpunkt an den Start. Statt externe Kräfte anzuheuern, bereiten Firmen nun verstärkt eigene Mitarbeiter für höhere Aufgaben vor.

Gute Firmen, sagt der Frankfurter Personalberater Christian Schreiter, hätten Talent-Pools aufgebaut und führten Mitarbeiter kontinuierlich an höhere Aufgaben heran. Schlechtere Firmen hingegen sähen sich mangels Personalentwicklung nun gezwungen, "womöglich ungeeignete Kräfte ins kalte Wasser zu werfen". Zum Beispiel sind in Banken die Chancen ausgesprochen gut, in der Karriere voranzukommen, weil sich der personelle Organismus verändert.

Altgediente Führungskräfte sind teilweise in Misskredit geraten und müssen persönliche Verantwortung für Fehlentwicklungen übernehmen. Nutznießer sind junge, gut ausgebildete Fachleute, die sich durch hohe Lernbereitschaft auszeichnen und gezielt neue Herausforderungen suchen. Sie profitieren von Rochaden im oberen Management, die plötzlich Karriere-Stauräume auflösen. Talentierte Nachwuchskräfte rücken in verantwortliche Positionen auf.

Personalkarussell auf Hochtouren
Obwohl die Krise den Arbeitsmarkt fest im Griff hat, herrscht nicht überall Einstellungsstopp. Um Banker buhlt etwa die Industrie. Als Kreditmanager sollen sie Geld von Lieferanten eintreiben, neue Finanzquellen erschließen und für den Geldfluss im Unternehmen sorgen. Im Rechnungswesen bürgen sie mit ihren Kompetenzen und ihrem Netzwerk für eine Qualität, die Unternehmen oft nicht besitzen.

In der Krise sind Unternehmen wie Banken gut beraten, an ihrer Arbeitgebermarke zu feilen. Wer sich von Mitarbeitern trennen muss, sollte daher großen Wert auf Fairness, Wertschätzung und Professionalität legen. Tiemo Kracht, Geschäftsführer von Kienbaum in Hamburg, warnt: "Wer einen flächendeckenden Flurschaden hinterlässt, kommt später nicht mehr auf die Beine und ist im demografischen Wandel dem Untergang geweiht."
 
Von Max Leonberg