Jeden Tag Affentheater

Hacken, beißen, helfen: Menschen im Büro verhalten sich im Prinzip genau so wie Affen im Gehege. Warum brüllen Vorgesetzte auch heute noch wie Alphamännchen? Und warum ist es trotz Büro-Hackordnung sinnvoll, sich gegenseitig zu helfen? Die Evolutionsbiologie liefert Antworten.

Der Chef furzt. Er reinigt sich die Fingernägel mit der Visitenkarten-Kante seines Gesprächspartners. Er spricht mit halb zerkauten Keksen zwischen den Zähnen und bekrümelt den Konferenztisch. Er kann nicht anders, und er will es nicht: Er ist ein Alphamännchen. Die Körperpflege in Gegenwart von Untergebenen erfreut sich großer Beliebtheit unter den Alphas, erklärt Richard Conniff. Der US-amerikanische Wissenschaftsjournalist hat sich eingehend mit dem täglichen Affentheater im Büro beschäftigt und kommt zu dem Ergebnis: Büromenschen sind Teil einer hierarchisch organisierten Primatengesellschaft, die sich an 30 Millionen alte Regeln der Herrschaft und Unterdrückung, der Kriegsführung und der Friedenserhaltung hält.

Ganz gleich, ob Schimpanse oder Vorstandsvorsitzender - Alphamännchen setzen ihre Autorität mit altbewährter Körpersprache durch: aufrechte Haltung, fester Schritt, gehobenes Kinn, direkter Augenkontakt, finsterer Blick. Unterlinge - ob behaarte Primaten oder Angestellte im Anzug - schauen demütig zu ihrem Alpha auf, verbeugen sich, nicken, kriechen im Staub. Auch heute noch erzielen Führungskräfte kurzfristige Erfolge, indem sie als unberechenbare Tyrannen auftreten, Angst und Schrecken verbreiten. Und auch heute noch wickeln Vorstandsvorsitzende ihre Aufsichtsräte mit Alpha-Gehabe locker um den Finger.

Warum funktioniert dieses Affentheater? Weil es mit Verhaltensmustern arbeitet, die, so Conniff, nach Jahrmillionen der Evolution fest in unserer Biologie verwurzelt sind. Aus Sicht von Evolutionsbiologen geht es immer noch um den Kampf um Reviere, um Attraktivität beim anderen Geschlecht - und damit letztendlich um die Weitergabe der eigenen Gene. Denn: Je höher der eigene Status, desto besser die Chance auf Fortpflanzung. Die Korrelation zwischen dem Rang eines Pavian-Männchens und der Anzahl seiner Nachkommen konnte Fred B. Bercovitch, Verhaltensforscher bei der Zoological Society of San Diego, in einer Studie nachweisen. Und Richard Conniff weist darauf hin, dass auch heute noch 80 bis 90 Prozent aller Unternehmen in Familienhand sind - und bleiben. Aus evolutionsbiologischer Sicht ist es nur logisch, dass der Urenkel des Firmengründers, William Clay Ford jun., Vorstandsvorsitzender bei Ford wird und den Veteranen Jacques Nasser aus der Baumkrone vertreibt.

Die alltägliche Interaktion besteht aber nicht nur aus Rangeleien um die Hackordnung, Imponiergehabe und Wadenbeißereien. Im Gegenteil: Hilfreiches Verhalten ist wichtiger Teil des Habitus - in der Natur genau so wie im Büro. Aus biologischer Sicht darf dieses Verhalten allerdings nicht als rein altruistisches gewertet werden. Wer hilft, hofft auf Gegenleistung. Wenn etwa ein Primat einem anderen regelmäßig den Pelz laust - oder ein Büromensch mit dem anderen täglich freundlich plaudert -, wird der ihm im Konfliktfall eher zur Hilfe eilen als ein loser Bekannter. Und wenn reproduktionsfähige Eisvögel ihren Eltern beim Nestbau helfen, statt eigene Nachkommen großzuziehen - oder Vorstandsassistenten ihren Chefs tatkräftig zuarbeiten -, spekulieren sie langfristig auf Gewinn: Die Eisvögel auf einen Teil des Reviers, die Assistenten auf mehr Gehalt, mehr Macht, mehr Prestige.

Natürlich haben wir neuzeitlichen Konzernbewohner uns seit der Zeit unserer äffischen Vorfahren um einiges weiterentwickelt - zum Beispiel haben wir einen freien Willen, räumt Conniff ein. Die Natur zwinge den Menschen keineswegs dazu, in einer vorprogrammierten Art und Weise zu handeln, theoretisch zumindest. Praktisch läuft in den Büros dieser Welt jeden Tag das gleiche Affentheater wie seit jeher. Laut Conniff kann es ein echter Augenöffner sein, diesen Wurzeln einmal nachzugehen. Nicht nur für Büromenschen: Anthropologen zufolge sind die Methoden einer bei den Bongo-Bongo-Affen entwickelten Feldstudie bestens geeignet, um die Sozialstrukturen eines Dotcoms in Silicon Valley zu verstehen.
 
Von Anne Jacoby