Interview mit der Schauspielerin Julia Koschitz

Die Schauspielerin Julia Koschitz, 33, überzeugte in diesem Sommer das Publikum in der Kino-Komödie "Shoppen" als attraktive Jogalehrerin. Vor wenigen Jahren gab sie als Polizistin in der bayerischen Vorabendserie "München 7" ihr Fernsehdebüt und an der Seite von Christoph M. Ohrt verkörperte sie in der Sat.1-Serie "Allein unter Bauern" eine allein erziehende Landärztin. Demnächst kehrt die vielseitige Wahlmünchnerin in dem Sat.1-Film "Der verfluchte Schatz" und einem ARD-Fernsehfilm auf den Bildschirm zurück. Jobware sprach mit ihr über die Besetzung beim Fernsehen und den Unterschied zum Theater.

Vorstellungsgespräche gehören für alle Menschen zum Pflichtprogramm, für den Schauspieler sind das die Castings. Haben Sie nach mehreren Fernsehrollen ein Patentrezept für erfolgreiche Castings?
Also für mich ist die Vorbereitung das Wichtigste. Rita Serra-Roll (Anm.: erfolgreiche Casting-Agentin) sagte mir einmal, bereite dich auf das Casting genauso gut vor, wie auf den Drehtag. Das war eine neue Erkenntnis für mich. Einfach nur Text lernen und darauf hoffen, dass die Ideen vom Regisseur kommen reicht da nicht. Ich brauche eine konkrete Idee von der Figur und der Szene, trotzdem muss ich offen bleiben, um flexibel auf Vorschläge reagieren zu können. Durch die Vorbereitung werde ich lockerer. Das könnte man vielleicht als mein Rezept verstehen. Ansonsten gehe ich bei einem Casting sehr von meinem eigenen Geschmack aus. Ich muss mich wohlfühlen.

Wie viel zählt dabei der unberechenbare Faktor Glück?
Bestimmt sehr viel. Die Möglichkeit, dass die Entscheidung über die Besetzung getroffen wird, bevor ich überhaupt zum Vorspielen komme, ist sehr hoch. Jeder, der eine Rolle besetzt, hat zumindest eine minimale Erwartungshaltung von einem Bewerber. Man wird automatisch eingestuft und schon sinkt der eigene Einfluss.

Hatten Sie bisher Glück?

Mal ja, mal nein. Bei meiner ersten Fernsehrolle in "München 7" hatte ich z. B. großes Glück. Ich werde Franz Xaver Bogner immer dankbar sein, der mir damit quasi eine Eintrittskarte ins Fernsehgeschäft geboten hat, und ohne den ich sicher nicht da wäre, wo ich heute bin.

Sie haben an den Stadttheatern in Coburg und Regensburg die großen Frauenrollen der Theaterliteratur gespielt. Wie wichtig ist die Bühnenpraxis für das Filmgeschäft?
Für mich ist Bühnenpraxis sehr wichtig, da ich primär am Theater tätig war. Aber es gibt Kollegen, die hervorragende Schauspieler ohne Bühnenerfahrung sind. Obwohl ich das Gefühl habe, dass Spielen am Theater und vor der Kamera eigentlich zwei unterschiedliche Berufe sind. Natürlich arbeite ich mit den gleichen Techniken und Mitteln, die ich auf der Bühne gelernt habe, aber die Reduktion des Spiels vor der Kamera bedeutet nicht unbedingt weniger Intensität. Insofern glaube ich, dass man die Vorgänge noch genauer denken muss, um sie im Zweifelsfall auch nur mit den Augen zu spielen.

Wie läuft ein Vorsprechen am Theater im Gegensatz zu einem Fernsehcasting ab?

Beim Vorsprechen am Theater spiele ich Szenen, die ich mir allein ausgesucht und geprobt habe. Die Identifikation mit meinem Programm ist dadurch viel höher als bei einem Textausschnitt, den ich zwei Tage vor einem Casting bekomme. In einem ersten Impuls würde ich sagen, beim Theater zeige ich mehr von mir.

Und beim zweiten?

Tja, wenn ich bei einem Casting wirklich offen und durchlässig bin, zeige ich da vielleicht noch mehr von mir.

Schauspielschulen verzeichnen etwa doppelt so viele Bewerbungen von Frauen als von Männern. Sind Frauen die besseren Mimen?

Würde ich so nicht sagen. Sicher ist, dass es mehr Schauspielerinnen als Schauspieler gibt. Was es den Frauen natürlich schwer macht, denn gleichzeitig gibt es mehr Männer- als Frauenrollen. Der Beruf hat ja viel mit menschlichen Vorgängen und mit der Psyche zu tun. Und wir Frauen reden ja viel mehr über uns als Männer über sich. Vielleicht finden Frauen deshalb leichter einen Zugang zu dem Beruf. Der Prinzessinnenfaktor spielt bei manchen Mädchen bestimmt auch eine große Rolle. So wie sich Jungs gerne als Fußball oder Rockstar sähen, so träumen wir halt von der Glitzerkarriere auf der Leinwand.

Sie sprechen von dem wahnsinnigen Konkurrenzkampf in der Branche. Macht Erfolg da nicht eitel?

Erfolg ist eine Sache der Definition. Wenn man Erfolg nur damit verbindet, sich vor Angeboten nicht mehr retten zu können, kann das vielleicht eitel machen. Ich freue mich mehr über zuviel als über zuwenig Arbeit und bin dabei rastlos, aber zweifeln kann ich nach wie vor an mir. Erfolgsmomente, die übrig bleiben, sind dann doch die unscheinbaren Glücksmomente vor der Kamera, wenn mir eine Szene wirklich gut gelungen ist.

Was wünschen Sie sich von der deutschen Film- und Fernsehlandschaft?
Mutigere Geschichten mit vielschichtigen und auch mal widersprüchlichen Figuren. Ich kann mich auch mit einem moralisch nicht einwandfreien Charakter identifizieren. Das langweilt mich so oft am deutschen Fernsehen. Und die Genres sollten mehr gemischt werden. Eine Komödie muss nicht oberflächlich sein und ein Drama muss mich nicht gleich in Depressionen stürzen. Ich finde, dass wir im Film ermutigen und Freude machen sollten, und das möglichst intelligent. Und ich wünsche mir mehr Poesie.

Das Interview führte Manuel Boecker