Innenansichten aus deutschen Chefetagen

Keine Berufsgruppe wurde in den letzten Jahren so heftig angefeindet und für Pleiten verantwortlich gemacht wie die Topmanager der größten Konzerne. Gerade in einer Krise müssen sich die Vorstandsvorsitzenden als starke Persönlichkeiten, als Antreiber beweisen - eine Fassade für die Öffentlichkeit. Was dahinter stecken könnte, versucht das Buch "Die da oben" in 12 Interviews mit den Wirtschaftsführern heraus zu finden.

Man muss das Büchlein von Barbara Nolte und Jan Heidtmann schon genau durchforsten, wenn man ehrliche Belege für die anspruchsvolle These der Autoren finden will, "ein Psychogramm der deutschen Chefetage" zu zeigen. Dies gelingt den beiden Journalisten überraschenderweise durch ihre wenig fordernde Gesprächsführung an manchen Stellen recht gut, doch die Interviews, in denen wirklich Neues oder tief Greifendes erzählt wird, bleiben rar gesät.

Die Rolle des Managers
Kai-Uwe Ricke, Telekom-Chef bis 2006, beschließt das Gespräch beispielsweise mit dem Satz: "Ich war in meinen Leben noch nie so unfrei wie in den letzten Jahren bei der Telekom." Dies bezieht sich zum einen auf den Job und zum anderen auf ein Privatleben, das unter dem Interesse der Öffentlichkeit enorm leidet: "Das heißt dann auch, dass meine Kinder auf dem Schulweg von der Konzernsicherheit observiert wurden."

Viel wird über die Rolle des Vorstandsvorsitzenden im Unternehmen gesprochen, die fast schauspielerische Herausforderung, den Anführer zu spielen. Entlarvt werden dabei vollmundige Aussagen wie "Wir machen das!" oder Floskeln wie "gut aufgestellt sein" als sinnleere Sprüche des Chefs, der für seine Mitarbeiter den Showmaster gibt. Laut Werner Müller, ehemaliger Wirtschaftsminister und Chef der Ruhrkohle AG, entsteht dieses "verbale Rumgeeier" aus der behaupteten Notwendigkeit heraus, Dinge verschleiern zu müssen.

Die im Vorwort gestellte Frage "Was fasziniert Sie an Geld?" wird den meisten Chefs leider doch nicht gestellt, und mit der Aussage konfrontiert, dass er bei Siemens das Hundertfache eines Arbeiterlohns verdient hat, antwortet Heinrich von Pierer leicht verschnupft: "Mein letztes Jahr war ein sehr ertragreiches Jahr für Siemens." Der um Verständnis ringende Nachtrag, er habe als Vorstand mit 400.000 Mark begonnen, geht in diesem Fall klar nach hinten los, und entlarvt den Unwillen vieler Konzernchefs, ihr Gehalt in Relation zu ihren Mitarbeitern zu setzen. Die oft gehörte Rechtfertigung von Pierers, dafür auch eine 70 Stunden-Woche zu haben, teilt er mit vielen Mitarbeiten im mittleren und unteren Management.

Tacheles in der Chefetage
Ein wichtiges Kapitel bildet die Frage nach dem Antrieb, sich dem harten Wind an der Spitze auszusetzen: die Lust an der Macht. Meist spielen die Befragten die eigenen Gestaltungsmöglichkeiten herunter und verweisen auf die vielen Zwänge der Position. Auch hier gibt Werner Müller, dem man es abnimmt, dass er mit seiner direkten Art oft aneckt, eine einfaches und ehrliches Statement ab: "Ich glaube, dass ein Eon- oder auch ein Evonik-Chef grundsätzlich mächtiger ist als der Wirtschaftsminister."

In Zeiten von "Soft skills", "Brainstorming" und "Think Tanks" überrascht Thomas Fischer, bis 2007 Chef der WestLB, mit der Aussage, dass es unter den Topmanagern wenig Intellektuelle gibt. "Intellektualität bringt Sie nicht weiter. Und Sie müssen sie hüten wie ein teures Geheimnis, sonst fallen Sie unangenehm auf."

Abschließend noch ein Zitat von Margret Suckale, die sich den Fakt, dass in den Vorständen von Deutschlands hundert größten Unternehmen zurzeit nur eine Frau sitzt, selbst nicht recht erklären kann. Auf die klassische Frage im Einstellungsgespräch "Wo möchten Sie in zehn Jahren stehen?" rät die Juristin als Antwort, Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen. "Das trauen sich Bewerber aber häufig nicht zu sagen, weil sie meinen, es könnte von Nachteil für sie sein."

Aus der Fülle der Interviews entsteht in der Tat keine Managerschelte, sondern ein Gesamtbild über die Frage "Wie die oben so ticken", gerade weil beim Lesen der einzelne Gesprächspartner hinter dem Titel "Innenansichten aus deutschen Chefetagen" verschwindet. Bleibt noch die Frage, ob die zweifelsfrei gelungene Interviewsammlung im Magazin der Süddeutschen Zeitung oder ähnlichen Printmedien nicht besser als in der edition suhrkamp aufgehoben wäre.
 
Von Manuel Boecker