Informatiker müssen mehr vom Business verstehen

In der Arbeitswelt von Fach- und Führungskräften bleibt kein Stein auf dem anderen. Angestammte Tätigkeitsfelder gewinnen durch neue Aufgaben an Profil, während einst stark nachgefragte Professionen auf dem Arbeitsmarkt an Wert verlieren. Selbst Informatiker, eine der besonders hofierten Berufsgruppen, müssen sich gezielt weiterqualifizieren, um auch in Zukunft gefragt zu bleiben.

Der Arbeitsmarkt für Informatiker steht vor einer Zäsur. Wie Marktforscher für das Jahr 2010 erwarten, suchen Arbeitgeber immer weniger "reinrassige" IT-Experten, weil herkömmliche Programmier- und Support-Tätigkeiten an externe Service-Provider ausgelagert worden sind. Bevölkert werden die IT-Abteilungen hingegen von technisch beschlagenen Fachkräften, die sich zusätzlich im Business auskennen. Sie sind Architekten der IT, mit ihren Plänen schaffen sie Mehrwert für das Geschäft. Und als Kommunikatoren pflegen sie Beziehungen innerhalb und außerhalb ihrer Firmen.

Der Informatiker - schon in wenigen Jahren ein Networker und nicht mehr der Pizza verschlingende Solist, wie er bisweilen klischeehaft beschrieben wird? Dass sich das Berufsbild des Informatikers tiefgreifend wandelt, führen Wissenschaftler von der US-amerikanischen National Academy of Sciences auf die Spielindustrie und die globalisierte Wirtschaft zurück. Weil digitale Produkte zunehmend den Lifestyle prägen und die Game-Industrie mit technischen Innovationen aufwartet, muss der Informatiker schon in wenigen Jahren kreatives Talent und mathematische Expertise vereinen und auch als Selbstdarsteller glänzen. Wie Headhunter beobachten, ködern Firmen wie Google, Yahoo und Ebay solche Leute bereits mit fürstlichen Gehältern.

Veränderungsimpulse kommen auch aus der Wirtschaft. Weil Fusionen und Übernahmen auf der Tagesordnung stehen und Outsourcing zu einem favorisierten Geschäftsmodell avanciert, müssen Informatiker deutlich mehr betriebswirtschaftliche Kenntnisse ausweisen. "Die effektivsten Mitarbeiter", sagt Diane Morello, Autorin der Gartner-Studie "IT Professional Outlook", "werden in Kompetenzzentren arbeiten, die sich an den Erfordernissen des Business orientieren". Solche Zentren steuern weltweit verteilte Projekte, wenn etwa Firmen fusionieren. Dazu benötigen sie vor allem aufgeschlossenes, flexibles Personal. Morello: "Informatiker müssen bereit sein, in Teams mit Kollegen zusammenzuarbeiten, die sie nicht kennen."

Marktforschern zufolge sind im Jahr 2010 besonders IT-Architekten und Service-Manager gefragt. Sie verknüpfen technische Expertise mit konkreten Geschäftsanforderungen und führen externe Dienstleister in großen Outsourcing-Projekten. Gut beraten sind Informatiker, sich im Projektmanagement zu üben und ihre Erfahrungen und Kenntnisse in der Software-Entwicklung zu vertiefen. Zuversichtlich in die Zukunft schauen können auch Spezialisten für IT-Sicherheit. Prognosen zufolge wird diese Gruppe bis 2010 von derzeit 1,4 Millionen auf weltweit rund 2 Mio. anwachsen.

Freilich besteht ein hoher Anpassungsbedarf. Sechs von zehn Mitarbeitern aus dem IT-Umfeld, so die Prognose, werden mittelfristig Business-Aufgaben übernehmen. Informatiker müssen die Perspektive wechseln und mit der Sichtweise eines Vertriebsmitarbeiters, Controllers oder Geschäftsführers vertraut sein. Ein Unternehmen steuern zu können und die dazu notwendigen Kennzahlen zu beherrschen sind in naher Zukunft wichtige Skills. Für die allermeisten Informatiker ist das völlig neu.
 
Von Winfried Gertz