Informatik-Krise - Die Studenten bleiben aus

Sie googeln, chatten und simsen, was das Zeug hält. Für Teens und Twens sind moderne Informations- und Kommunikationsmittel nicht mehr aus dem Alltag wegzudenken. Wer nun glaubt, hier wachsen lauter Informatiker nach, sieht sich getäuscht.

Das Fach finden die meisten absolut uncool. Informatik ist langweilig - so lässt sich eine Umfrage von TNS Emnid zusammenfassen. Etwa 750 14- bis 29-Jährige waren nach ihren Berufsplänen befragt worden. Kurios: Obwohl laut Branchenverband Bitkom zigtausend Stellen nicht besetzt werden können und viele Unternehmen mangels IT-Fachkräften Aufträge ablehnen oder Projekte verschieben müssen, kommt ein Job rund um Bits and Bytes für die allermeisten der Generation Y nicht in Frage.

Falsch informiert - Informatik als Klischee
Always on, doch mit Informatik nichts am Hut. Wie es scheint, haben die millionenschweren Kampagnen im "Jahr der Informatik 2006" den rapiden Imageverlust des Fachs nicht stoppen können. Ein Blick in die Statistik zeigt das ganze Ausmaß: Seit dem Jahr 2000 sind die Studentenzahlen in der Informatik von 38.000 auf nunmehr rund 30.000 gesunken. Setzt sich der Trend fort, wird die einst als Boomfach gehätschelte und mit üppigen Budgets ausgestattete Disziplin tiefe Einschnitte hinnehmen müssen.

Diese Entwicklung erwischt auch Professoren auf dem falschen Fuß. Zu seiner Überraschung fand Manfred Broy, Informatikprofessor an der TU München, in einer eigenen Umfrage heraus, dass junge Leute ein "völlig falsches Bild" von der Arbeit eines Informatikers hätten. Abiturienten, die er zu Wort kommen ließ, betrachten die Informatik als reines Programmierhandwerk und lassen deshalb die Finger davon. Dabei war sich Broy eigentlich sicher: Das Bild vom Informatiker, der stur vor dem Bildschirm hockt, sei eigentlich verschwunden.

Nicht sexy
So kann man sich täuschen. Dabei ist die grundsätzliche Affinität der Jugendlichen zur Informationstechnologie sehr hoch. Fast jeder hat einen Computer. Bereits in der Schule haben 86 Prozent der von TMS Emnid Befragten den PC für Textverarbeitung und Tabellenkalkulation genutzt, immerhin 77 Prozent für Internet-Recherchen. Täglich oder mehrmals in der Woche schreiben oder empfangen zwei Drittel der Jugendlichen E-Mails, und gut jeder Zweite nutzt den Computer zum Chatten oder zur Informationsbeschaffung. Fast ebenso viele nutzen Office-Programme oder tauschen sich regelmäßig in virtuellen Netzwerken aus.

Doch deshalb wird noch lange niemand Informatik studieren. Zwar betonen drei von vier Befragten, dass Informatik künftig an Bedeutung gewinnt und ein Studium gute berufliche Perspektiven eröffnet. Umgekehrt können sich nur 30 Prozent vorstellen, einen IT-Beruf zu ergreifen. Lediglich 6 Prozent halten die Branche für ein attraktives Berufsfeld. Der Ruf des Informatikers könnte unter dem Nachwuchs nicht schlimmer sein: Im Vergleich zum Unternehmer, Arzt, Anwalt oder Lehrer ordnen ihm die Jugendlichen das Image eines Eigenbrötlers zu, der wenig Kontakt zu anderen Menschen hat. Das Ansehen des Informatikers in der Gesellschaft ist nach Meinung der jungen Erwachsenen von allen abgefragten Berufen am niedrigsten. Besonders schlecht ist der Beruf beim weiblichen Nachwuchs angesehen. In den Augen junger Frauen ist Informatik einfach nicht sexy. Hoffnungsträger sehen schlicht anders aus.
 
Von Max Leonberg