In deutschen Betrieben herrscht eitel Sonnenschein

Laut einer weltweit durchgeführten Studie zeigen sich deutsche Mitarbeiter bemerkenswert loyal. Obwohl der Arbeitsmarkt eigentlich zum Wechsel animiert, will jeder zweite Beschäftigte seiner Firma treu bleiben.

Wurden da die Berater da nicht gründlich an der Nase herumgeführt? Heute schon Zeitung gelesen? Manager schmieren Kunden und Lieferanten oder werden beim verwegenen Steuertricksen ertappt. Hier genehmigen sie sich satte Gehaltsaufschläge, dort setzen sie kurzerhand ein paar Tausend Mitarbeiter vor die Tür. Ohne mit der Wimper zu zucken, wird eiskalt durchgezogen, was gestern nicht sein durfte. In vielen Betrieben herrscht ein Klima wie am Nordpol. Wie gesagt: Das alles rauscht täglich durch den Blätterwald.

Dagegen zeichnet Towers Perrin, die renommierte Personalberatung, ein traumhaft positives Bild. Wie die Berater anscheinend herausgefunden haben, sind zwei Drittel der Beschäftigten in deutschen Unternehmen richtige Stimmungskanonen, "Mitreißer" und "hoch engagiert". Selbst in der für ihren dynamischen Menschenschlag berühmten Schweiz liegt die Quote der Superoptimisten nur wenig höher. Interessant: In britischen Firmen wimmelt es vor mäßig Engagierten, auch "Zaungäste" genannt. Auch die Quote der stets Frustrierten, die innerlich "schon weg" sind, ragt aus der europäischen Gemengelage heraus.

Aber um die Eingeborenen von der Insel geht es hier nicht. In deutschen Betrieben hingegen herrscht Friede, Freude, Eierkuchen; gibt Towers Perrin zu verstehen. Ältere Mitarbeiter würden nicht von Weiterbildungsmaßnahmen ausgeschlossen oder gezielt zum vorzeitigen Ausscheiden gedrängt. Vielmehr erwiesen sie sich ähnlich motiviert wie ihre jüngeren Kollegen, mutmaßen die Berater. Oben gäben überaus vertrauenswürdige Manager den Ton an, die ihren Beschäftigten ermöglichen würden, selbst Verantwortung zu übernehmen, frühzeitig Entscheidungen zu treffen und sich ohne Unterlass weiterzuentwickeln.

In diesem Kosmos herrschen paradiesische Zustände. Vor allem in Deutschland ziehen laut Towers Perrin Mitarbeiter und Führungskräfte an einem Strang, weil sie sich offenkundig auf gemeinsame Spielregeln einigen konnten. Unternehmenskulturen, die vom Management "vorgelebt" würden, beeindrucken die Berater ebenso wie soziales Engagement und "Fürsorge", was den Beschäftigten signalisiert: Gutes Geld zu verdienen kann nicht das einzige sein, was zählt.

Doch nun kommt's dicke. Unbedingte Voraussetzung für diese Insel der Glückseligen, die stets motiviert zu Werke gehen, seien Führungskräfte, denen hinreichender Gestaltungsraum zugestanden wird. Sie wollten schließlich Einfluss auf die Ergebnisqualität nehmen können, was dem Fußvolk eher piepegal sei. Coaches können ein Lied davon singen, was zahlenfixierte Abteilungsleiter und andere Vorturner in den Betrieben ausrichten. Vor lauter Ergebnisorientierung verlieren sie nicht nur den Boden unter den Füßen. Sie sondern sich auch immer mehr von ihrem Umfeld ab und drehen einsam Runde für Runde im Hamsterrad. Irgendwann und meist unerwartet fällt dann der Vorhang.
 
Von Josef Bierbrodt