Hochschulabsolventen - Erfolg im Assessment-Center

Erfolgreich das Examen hinter sich gebracht, nun wird ordentlich Geld verdient. Wäre da nicht das Assessment-Center, in dem vor allem Konzerne ihren Hochschulabsolventen auf den Zahn fühlen. Wer hier sowie in den Smalltalks am Rande eine Show abzieht, hat aufs falsche Pferd gesetzt.

Ein bisschen schummeln ist schon möglich, bildete sich Matthias Sandström ein. "Meiner neuen Freundin sage ich ja auch nicht gleich, ich hätte Fußpilz." Und tatsächlich: Mit dieser Einstellung meisterte der Hamburger Wirtschaftsinformatiker das zweitägige Assessment-Center, das der schwedische Versicherungskonzern Skandia in Stockholm veranstaltete. Doch damit hatte er den neuen Job noch nicht in der Tasche. Denn beim Essen mit seinem künftigen Boss benahm er sich völlig daneben.

Hochschulabsolventen sind erfolgreich durch Ehrlichkeit und Soft Skills
Schauspielerei ist wirklich kein probates Mittel, um sich beim Assessment-Center von der Gruppe der Bewerber abzuheben. Zwar schneiden kommunikative, dynamische Typen deutlich besser ab, doch wer eher zurückhaltender Natur ist oder hauptsächlich fachliche Kompetenz in die Waagschale legen kann, dem wird ausgiebiges "Tricksen" schnell über den Kopf wachsen - bald ist die Verkrampfung nicht mehr zu übersehen.

Seit vielen Jahren ist das Assessment-Center das wohl am meisten favorisierte Instrument, um unter Bewerbern die Spreu vom Weizen zu trennen. Insbesondere Konzerne nutzen dieses Mittel bei ihrer Rekrutierungspolitik. Experten stimmen weitgehend überein, dass die kontinuierlich verfeinerten Methoden dazu führen, dass Unternehmen tatsächlich am Ende diejenigen Bewerber identifizieren, die ihrem Anforderungsprofil am ehesten entsprechen. Besonders beobachtet werden dabei die Soft Skills: Teamfähigkeit, Kompromissbereitschaft und Entscheidungskompetenz.

Nicht in Fettnäpfchen treten
In Gruppendiskussion, Rollenspielen und Präsentationen sowie durch Persönlichkeitstests und Stressinterviews werden die Kandidaten mit praktischen Situationen konfrontiert, die sie im Berufsleben meistern müssen. Im Assessment-Center stehen sie unter pausenloser Beobachtung. Wer der psychischen Beanspruchung erfolgreich standhalten will, sollte sich gut vorbereiten und fragen: Bin ich sympathisch und anpassungsfähig, passe ich zur Firma? Bin ich engagiert, habe ich genug Biss, bin ich wirklich lern- und einsatzwillig? Kann ich klar analysieren? Und nicht vergessen: Prüfer achten auf Körperhaltung und Gestik der Bewerber - während der Prüfungen, in der Kaffeepause und beim Abendessen. Also bloß nicht das letzte Zuckerstückchen nehmen! Wer das beherzigt und souverän wie selbstsicher auftritt, hat wohl die besten Chancen.

Jedes Assessment-Center ist genau zugeschnitten auf die Aufgaben, die der Bewerber in seinem Job bewältigen muss. Wer also Kandidat für eine Vertriebsposition ist, wird anders beurteilt als jemand, der hauptsächlich Softwareprogramme entwickeln soll. Einerseits wird der Verkäufer mehr Biss zeigen müssen, wobei eine gesunde Portion Angriffslust nicht schadet - was für den Entwickler kaum zutreffen wird. Fatal wäre also, wenn Schauspielerei dazu führt, dass man den falschen Job bekommt. So weit kam Matthias Sandström aber erst gar nicht: Beim Abendessen mit seinem Chef in spe trank er eine ganze Flasche Wein leer. Selbst das glanzvolle Resultat des Assessment-Centers konnte ihm da nicht mehr helfen.
 
Von Max Leonberg