Hire and Fire

Überstunden abbauen, kurzarbeiten und schließlich vor die Tür gesetzt werden: Mit dieser Schrittfolge müssen sich in der Krise viele Beschäftigte abfinden. Experten warnen jedoch davor, das Kind mit dem Bade auszuschütten: Talente bleiben weiterhin gesucht. Sich von Mitarbeitern zu trennen und gleichzeitig neue an Bord zu holen, muss also kein Gegensatz sein.

Mit dieser an sich paradoxen Situation waren viele Verantwortliche konfrontiert, die Ende März zur Fachmesse "Personal" nach München reisten. Trotz Wirtschaftskrise verzeichnete die Veranstaltung gestiegene Aussteller- und Besucherzahlen. Das Publikum kam mit neuen Erwartungen. Laut Veranstalter waren die Besucher an Outsourcing-Dienstleistungen interessiert, viele blieben auch dem Thema Talent-Management treu. Fehlbesetzungen kosten schließlich eine Stange Geld, und der Fachkräftemangel löst sich in der Rezession nicht in Luft auf. "Personalabbau und die Suche nach Talenten sind für viele Firmen zwei Seiten einer Medaille", sagt Armin Trost, Professor für Personalmanagement an der Fachhochschule Furtwangen. "Nun konzentrieren sich Arbeitgeber auf die Besetzung von Schlüsselfunktionen."

Kosten sparen und Talente fördern
Das eine tun, ohne das andere zu lassen, gleicht dem Ritt auf der Rasierklinge. Unternehmen müssen daher aufpassen, nicht mit zweierlei Maß zu verfahren. Talente bevorzugen, aber andere Mitarbeiter ohne viel Federlesens aussortieren: Hier ist Fingerspitzengefühl gefragt. "Priorisierung von Maßnahmen" nennen das die Entscheider. Die bittere Wahrheit: Je höher die Qualifikation, desto weniger müssen Mitarbeiter um ihren Arbeitsplatz bangen.

Keine Frage, in der angespannten Lage müssen alle Unternehmen auf die Kosten schauen. Selbst Microsoft ist nicht gegen die Krise immun. "20 Prozent der Reisekosten können wir einsparen, weil wir Termine virtuell gestalten", sagt Brigitte Hirl-Höfer, Personalleiterin von Microsoft Deutschland. Mitarbeiter bräuchten nicht um fünf Uhr aufzustehen, um zum Flughafen zu fahren. Die Videokonferenz mit dem Kunden ist auch daheim am PC möglich.

Talent-Management bleibt auf der Agenda
Doch Microsoft ist nicht nur wie viele andere Firmen gezwungen, auf die Kostenbremse zu treten. Der Softwaregigant darf auch das Talent-Management nicht vernachlässigen. Hier wird weiter kräftig investiert: Erst zu Jahresbeginn wurden 20 neue Absolventen eingestellt. Dem Vorwurf, Talent-Management beschränke sich nur auf High Potentials, tritt Hirl-Höfer aber energisch entgegen: "Wir entwickeln für jeden Beschäftigten einen individuellen Karriereplan, der konkrete Entwicklungsschritte und Trainings vorsieht. Und 97 Prozent können ihren Plan erfolgreich erfüllen."

Auch Trost ist sicher, dass Talent-Management in der Krise auf der Agenda bleibt. "Ich empfehle Unternehmen sogar, noch im Vorfeld der Stellenbesetzung damit anzufangen. Wer strategische Vorteile sucht, sollte persönliche Beziehungen zu Talenten knüpfen, bis es wieder aufwärts geht, und sie dann einstellen." Bei Microsoft hat sich das Modell "Mitarbeiter werben Mitarbeiter" bewährt. Jeder Dritte, der aus dem Mitarbeiterkreis vorgeschlagen wird, erhält einen Arbeitsvertrag. Dass darunter keine Flaschen sind, wird vor der Entscheidung ausgiebig getestet.
 
Von Winfried Gertz