Himmelstürmer

Eröffnen Firmen ihren Mitarbeitern Zugang zu Web-2.0-Plattformen, dürfen sie sich nicht über Kontrollverlust beklagen. Denn offene Kommunikation und mehr Transparenz zahlen sich aus, wie pfiffige Arbeitgeber wissen. Ihr Ruf in den begehrten Zielgruppen verbessert sich schlagartig.

Paul Lütke Wissing ist gewiss kein Chef vom alten Schlag. Statt seine Mitarbeiter mit harter Hand zu führen, will er ihnen helfen, ihren oft anstrengenden Joballtag mit Lust und Laune zu bewältigen. Sein Unternehmen, die Sepago GmbH in Köln, ist einer von unzähligen Dienstleistern, die sich im IT-Markt tummeln. Und weil es so viele davon gibt, fällt es auch Sepago schwer, auf sich aufmerksam zu machen, obwohl das Geschäft brummt.

Personalwerbung im Blog
Fünf Mitarbeiter sollten eigentlich in 2008 neu an Bord kommen, nur ein einziger dockte bisher an. Zwar hätten sich zahlreiche Kandidaten auf die Online-Stellenangebote beworben, bilanziert der Boss. Doch nur in Ausnahmefällen entsprach das Profil den hohen Erwartungen. So kann es nicht weitergehen mit der Rekrutierung, war Lütke Wissing klar. Eine schlagkräftigere Personalwerbung musste her. Und schon war die Idee des Mitarbeiterblogs geboren: Wenn seine Top-Leute sich in der Community Gehör verschaffen, macht die Company einfach mehr von sich reden.

Seit die beiden IT-Architekten Nicholas Dille und Helge Klein bloggen, verzeichnen sie weitaus höhere Hitraten als die Firmenwebsite. Egal ob sie über ihren Arbeitsalltag schreiben oder technische Probleme wälzen, die Kommunikation gewinnt an Fahrt. "Wer Einblick in seinen Berateralltag eröffnet, weckt große Aufmerksamkeit. Vor allem die motivierten und qualifizierten IT-Experten fühlen sich angesprochen", freut sich Lütke Wissing. Positiver Nebeneffekt: Viele schrecken die hohen Anforderungen ab. Lieber bewerben sie sich woanders.

Das Blog-Experiment hat sich gelohnt und soll auch keine Eintagsfliege sein. Kurz nachdem die Firma in Web 2.0 investierte, fädelte Lütke Wissing einen lukrativen Deal mit dem namhaften US-Softwarehersteller Citrix ein, der ein von Sepago entwickeltes Programmpaket kaufte. Die Vereinbarung sieht vor, dass Sepago und das US-Entwicklungsteam künftig eng zusammenarbeiten. "Wir sind also viel eher eingeweiht, wenn sich etwas Neues ergibt, als jeder andere Marktteilnehmer", freut sich Lütke Wissing.

Zielgruppenorientiert bloggen führt zum Erfolg
Für die Blogger hat sich ebenfalls eine Menge geändert. Nun erscheinen Ihre Einträge in den einschlägigen US-Communities, und von dort verlinken sich technisch beschlagene Insider mit den Sepago-Blogs. Dies wird sich unmittelbar auf die deutsche Entwicklerszene auswirken, ist sich Lütke Wissing sicher. Der Sepago-Chef rechnet fest damit, dass das Geschäft in Folge des Citrix-Deals weiter anziehen wird. Ebenso wichtig: Sepago rückt damit auch stärker in den Blick derjenigen IT-Experten, die das Unternehmen unbedingt als Mitarbeiter gewinnen will.

Zu aufdringlich darf die Werbung allerdings nicht sein, weiß Lütke Wissing zu gut. Lediglich ein dezenter Link verweist in den Mitarbeiterblogs auf die Karriereseiten. "Auf Werbung reagieren Blogger ziemlich allergisch."
 
Von Josef Bierbrodt