Heute Einstellungsstopp, morgen Fachkräftemangel

RTL, Lufthansa oder Google sind nur drei Beispiele für viele Unternehmen, die auf Sparkurs sind und einen Einstellungsstopp verhängt oder zumindest die Neueinstellungen deutlich heruntergefahren haben. Doch spätestens mit dem neuen Aufschwung wird der Bedarf an guten Mitarbeitern sprunghaft ansteigen. Eine ambivalente Situation. Experten plädieren deshalb für eine kontinuierliche und langfristige Rekrutierungsstrategie.

Bislang setzen die meisten Unternehmen auf kurzfristige Maßnahmen, um auf die Wirtschaftskrise zu reagieren: 89 Prozent bauen Überstunden ab, 83 Prozent haben einen Einstellungsstopp ausgerufen und 63 Prozent nutzen Kurzarbeit. Längerfristig wirksame Maßnahmen werden, wie die Kienbaum-Studie "Strategien in der Krise" belegt, dagegen kaum umgesetzt. Dabei kann sich gerade eine Sparmaßnahme wie der Einstellungsstopp äußerst negativ auf die langfristige Unternehmensentwicklung auswirken, warnt Dr. Peter Littig, Direktor Bildungspolitik und -strategie der DEKRA Akademie: "Es gilt darum, den Eindruck 'Wir stellen nicht ein' zu vermeiden. Wenn Fachkräfte in einem Unternehmen keine Perspektiven erkennen können, wird sich dieses natürlich sehr schwer tun, heute und in Zukunft junge Leute mit Karriereabsichten zu bekommen."

Das ist auch die Ansicht von Sven Hennige, Managing Director Central Europe des Personaldienstleisters Robert Half International. Er rät den Unternehmen, sich gerade jetzt als attraktive Arbeitgeber zu präsentieren. "Dabei ist es wichtig, transparente Entscheidungen zu treffen und für ein gutes Klima unter den Angestellten zu sorgen", wird er konkret. "Unternehmen können jetzt ihr Netzwerk aufbauen, um später einfacher die passenden Kandidaten zu finden."

Stellenanzeigen rein aus Imagegründen
Etwa jedes dritte Unternehmen hat laut einer DIHK-Umfrage seine Einstellungsvorhaben zurückgeschraubt. Bekannt werden solche Aktionen allerdings selten, denn die meisten Unternehmen meiden die Öffentlichkeit, wenn sie bis auf weiteres niemanden mehr einstellen. Manche schalten sogar weiter Stellenanzeigen, teilweise, weil sie Rahmenverträge haben, teilweise aber auch aus Imagegründen. "Um das Image als guter Arbeitgeber geht es tatsächlich, da man seine Arbeitgebermarke nicht durch Gerüchte um das Unternehmen beschädigen möchte", so Sven Hennige. "Darüber hinaus will jedes Unternehmen gegenüber dem Wettbewerb Signale setzen und auch Lieferanten und Kunden nicht verunsichern". Manche Unternehmen wiederum stellen trotz eines Einstellungsstopps ein, insbesondere wenn es um handverlesene Spezialisten geht, die sie sonst nicht bekommen könnten. Dazu Dr. Peter Littig: "Ausnahmen gibt es immer, denn die Unternehmen befinden sich in einer ambivalenten Situation. Auf der einen Seite können sie aufgrund der Wirtschafslage nicht so viele Leute einstellen, auf der anderen Seite müssen sie sich Fachkräfte auf Dauer sichern. Irgendwann wird es wieder bergauf gehen. Und da hängt es letztendlich ganz entscheidend davon ab, inwieweit sie auf Fachkräfte zugreifen können".

Dass es mit dem Fachkräftemangel heute keinesfalls vorbei ist, zeigt der aktuelle Arbeitsmarkt-Report der DEKRA Akademie: Im Bereich der Fach- und Führungskräfte sind insbesondere Maschinenbau-, Fahrzeugbauingenieure und Anlagenplaner, Elektro-und Elektrotechnikingenieure sowie Buchhalter und Finanzbuchhalter deutlich stärker gesucht sind als noch vor einem Jahr. Doch nicht nur Fach- und Führungskräfte sind betroffen. Der größte Mitarbeiter-Bedarf besteht laut Arbeitsmarkt-Report im Gesundheitswesen. Und wie Sven Hennige von Robert Half in der täglichen Praxis feststellt, gibt es auch bei Versicherungsspezialisten und bestimmten Finance-Stellen im Bereich Lohn und Gehalt schon heute mehr offene Stellen als Bewerber. Ein weiteres Indiz: Die Rekrutierung von Fach- und Führungskräften im Finanz- und Rechnungswesen nimmt einen deutlich längeren Zeitraum in Anspruch als noch vor einem Jahr, ergab der Global Financial Employment Monitor von Robert Half. Durchschnittlich 8,3 Wochen benötigen Unternehmen mittlerweile, um sich für einen Kandidaten zu entscheiden - fast eine Woche länger als 2008.

Vorausschauende Personalplanung
Ein positives Beispiel für eine vorausschauende Personalplanung ist das IT-Dienstleistungs- und Handelsunternehmen Bechtle AG aus Neckarsulm. Das Unternehmen, das weiter expandiert und selektiv für einzelne Standorte und Bereiche auch weiterhin Mitarbeiter einstellt, benötigt vor allem Absolventen der Informationstechnologie und Wirtschaftswissenschaften. Zwischen zehn und 40 neue Mitarbeiter werden monatlich neu eingestellt. "Fachkräfte mit IT-Spezialwissen, das momentan stark nachgefragt wird, wie etwa Virtualisierung oder Storage, sind derzeit besonders rar", berichtet Personalleiterin Sonja Glaser-Reuss. "In diesen Bereichen spüren wir durchaus den Fachkräftemangel." Und die Personalleiterin befürchtet, dass dieser im Zuge der demographischen Entwicklung und der fehlenden Attraktivität von IT-Studiengängen sich deutlich verstärken wird.

Deshalb setzt Bechtle auf ein Maßnahmenpaket, zu dem die Erhöhung des eigenen Ausbildungsplatzangebots gehört, ein Ausbau der Bechtle Akademie zur Weiterqualifizierung der bestehenden Mitarbeiter und eine Ausweitung des Angebots an Studienplätzen an Dualen Hochschulen und Berufsakademien. "Und nicht zuletzt bauen wir über die Stiftung einer Hochschulprofessur unser Engagement im Bildungsbereich aus", sagt die Personalleiterin. "Für uns ist Handeln das Gebot der Stunde, nicht Klagen." Gehandelt wird auch bei der DEKRA, die als Dienstleistungsunternehmen Fahrzeugprüfungen durchführt und Schadensgutachten erstellt und deshalb auf einen ausreichenden Nachwuchs an Prüfingenieuren angewiesen ist. Mit Blick auf die demographische Entwicklung kümmert man sich verstärkt um Nachwuchs-Ingenieure, kooperiert beispielsweise mit Hochschulen, um spätere Absolventen frühzeitig anzusprechen.
 
Von Christiane Siemann