Headhunter - Telefonische Abwerbung weiterhin erlaubt

Der anhaltende Mangel an Fach- und Führungskräften beschert Personalberatern eine hervorragende Auftragslage. Auch wenn Headhunter zunehmend ihre Klientel in Online-Netzwerken aufspüren, gilt der telefonischen Kontaktaufnahme potenzieller Kandidaten ihr Hauptaugenmerk. Wie weit sie dabei gehen dürfen, wurde nun höchstrichterlich geklärt.

Personalberater, die Kandidaten telefonisch auf eine berufliche Veränderung ansprechen, sind Arbeitgebern ein Dorn im Auge. Das ist verständlich: Können Konzerne den Verlust von Mitarbeitern noch verschmerzen, steht mittelständischen Unternehmen sofort das Wasser bis zum Hals, wenn die zwei, drei wichtigsten Kräfte abgeworben werden. Doch der Versuch, dem Treiben der Kopfjäger ein Ende zu setzen, ist gründlich misslungen. Erst jüngst stellte der Bundesgerichtshof fest, dass niemand einem Personalberater die Ausübung seiner Berufstätigkeit untersagen kann sofern der es nicht übertreibt mit der Werbung.

Als das Stuttgarter Oberlandesgericht im Herbst 2000 das "Eindringen in die fremde Betriebssphäre" als "wettbewerbsrechtlich zu missbilligende Störung" untersagte, drohte nicht nur Personalberatern Ungemach. Hier boten Arbeitgeber ihren Mitarbeitern hohe Prämien an, sollten sie einen Headhunter beim illegalen Abwerbeversuch ertappen. Dort wurde Weiterbildung eingeschränkt oder Mitarbeitern ein Maulkorb verordnet. Aus lauter Angst, Leistungsträger zu verlieren, wurde die Unternehmenskultur aufs Spiel gesetzt.

Freilich gehen solche Initiativen nach hinten los. Wer Mitarbeitern unterstellt, sie würden Weiterbildungsmaßnahmen ausnutzen, um sich auf den Absprung vorzubereiten, oder ihnen untersagt, selbstbewusst in der Öffentlichkeit aufzutreten, ermutigt sie erst recht, den Arbeitsplatz zu wechseln. Für den Münchener Personalberater Georg T. Revesz steht fest: "So stellen sich Unternehmen nur ein Armutszeugnis aus."

So ist es nicht verwunderlich, dass die vor acht Jahren durch die Neckarsulmer Firma Bechtle AG losgetretene Debatte eine andere Entwicklung nahm als von Headhunter-Gegnern erhofft. Schon 2004 hielt der Bundesgerichtshof, nachdem sich die Parteien durch die Instanzen geklagt hatten, höchstrichterlich fest, dass den Personalberatern nicht das Handwerk gelegt werden könne. Ende 2007 bekräftigten die Richter ihre Entscheidung (Aktenzeichen: I ZR 183/04), indem sie präzisierten, wie weit ein Personalberater bei seiner Tätigkeit tatsächlich gehen darf.

Statthaft ist es demzufolge, wenn der Personalberater telefonisch lediglich nach dem Interesse an einer neuen Position fragt, diese kurz erläutert und mit dem Kandidaten vereinbart, das Gespräch andernorts zu vertiefen. Überschreitet das erste Gespräch laut BGH "wenige Minuten", läuft der Personalberater Gefahr, wegen unlauteren Wettbewerbs belangt zu werden. Mit seinem neuerlichen Urteil hat der BGH den Fall erneut zur Verhandlung und Entscheidung an das Berufungsgericht zurückverwiesen.

Experten halten damit den "Sturm im Wasserglas" für beendet. Im Übrigen stellen sich Arbeitgeber, die ihren Mitarbeitern misstrauisch begegnen, ein denkbar schlechtes Zeugnis aus. So dürfen sie sich nicht wundern, wenn ihre Besten Hals über Kopf das Weite suchen und sich selbst bei den Headhuntern melden. Und ihrem Employer Branding erweisen Unternehmen damit einen Bärendienst. Wer würde schon freiwillig dort anheuern?
 
Von Max Leonberg