Handy-Terror

Wie Menschen mit ihren Mobiltelefonen umgehen, lässt tief blicken. Am schlimmsten sind Wichtigtuer, für sie ist Rücksichtnahme ein Fremdwort. Eine Umfrage zeigt nun, wie schlimm es um Handynutzer schon bestellt ist.

Alles scheint perfekt: Im Restaurant wird dezent bedient, die Musik ist gerade noch zu hören, der romantische Abend kann beginnen. Doch das Rendezvous ist jäh zu Ende, als der Angebetete sein plärrendes Handy aus der Jacke zieht und unversehens vom Schnurr- in den Kommandomodus wechselt.

Ein Einzelfall? Von wegen! Wie eine Umfrage des IT-Branchenverbands Bitkom herausfand, sind solche kommunikativen Desaster ziemlich verbreitet. Mit der Kinderstube ist es nicht weit her, wenn jeder vierte Handynutzer seinen Apparat im Kino klingeln lässt und jeder dritte sogar beim Geschäftsessen Anrufe entgegennimmt. Dass man das Telefon beim Einkaufen oder bei der Zugfahrt nicht abschaltet, ist ja noch nachzuvollziehen. Trifft man sich aber mit Kumpels oder verabredet sich mit der Freundin, sollten Störungen der nervtötenden Art eigentlich ausgeschlossen sein.

Handy-Knigge
15 Jahre nach Einführung des Mobiltelefons wissen viele Nutzer noch immer nicht, was zum guten Ton gehört. Dabei unterscheiden sich Frauen und Männer kaum. Lediglich wenn Damen unter sich sind, schalten sie ihre Handys öfter ab als das starke Geschlecht. Sieben Prozent der Nutzer betreiben ihr Gerät ununterbrochen mit aktivem Klingelton. Zugleich geben 63 Prozent der Deutschen an, sich durch Handyklingeln in der Öffentlichkeit belästigt zu fühlen. Und wer einen schwadronierenden Zeitgenossen an der Kasse oder dem Bankschalter einfach nicht abschütteln kann, ist gleich doppelt betroffen.

Der Ignoranz gegenüber Mitmenschen entspricht die Unfähigkeit, mit den technischen Wunderwerken im Miniformat angemessen umzugehen. Wer sich nur einmal die Mühe macht, die Funktionsvielfalt herkömmlicher Handys näher kennen zu lernen, begreift schnell, dass der Apparat nicht unbedingt eine akustische Nervensäge sein muss. Dank eingebauter Umgebungsprofile könnte man sich auf jedwede Situation optimal einstellen. Ist hier bereits ein leiser Ton angemessen, wird dort das Rufsignal durch lautloses Vibrieren oder bloßes Blinken ersetzt.

Rücksicht nehmen
Auch eine SMS muss nicht unbedingt mit typischem Doppelpiep auf sich aufmerksam machen. All das lässt sich schnell einrichten. Wer mag, kann sogar besonders unauffällige Signale aus dem Internet herunterladen. Bleibt noch die häufig anzutreffende Unart, sich beim mobilen Telefonat viel lauter als im normalen Gespräch zu gebärden. Ein Relikt aus der Zeit, als die ersten Handys das Licht der Welt erblickten, vermuten Experten.

Als die Technik noch in den Kinderschuhen steckte, half man sich mit erhobener Stimme über manche Störung hinweg. Freilich muss heute niemand mehr schreien, um von seinem Gesprächspartner verstanden zu werden. Dazu bietet zumindest die ausgereifte Übertragungs- und Sprachqualität moderner Mobiltelefone keinerlei Anlass. Wer sich dennoch über das Recht seiner Mitmenschen auf Rücksichtnahme in aller Deutlichkeit hinwegsetzt, muss einfach damit leben, nichts als ein Vollidiot zu sein.
 
Von Josef Bierbrodt