Gute Zeiten für einen Wechsel im HR-Bereich

Mehr strategische Verantwortung im Personalbereich? Eine neue, interessante Aufgabe anstatt der inzwischen zur Routine gewordenen Tätigkeit? Viele Personalmanager trauen sich derzeit nicht, sich nach einer neuen Stelle umzusehen. Dabei bietet gerade die aktuelle Wirtschaftslage interessante neue Perspektiven.

Die schlechte Nachricht zuerst: Im ersten Quartal 2009 gab es nur noch halb so viele Stellenanzeigen für Personalmanager wie im gleichen Zeitraum 2008. Das belegt der HR-Stix, ein quartalsweise erhobener Stellenmarktindex speziell für HR-Positionen der Personalberatung Personal Total. Allerdings ist dieser Rückgang an Stellenanzeigen für Personalmanager vor allem auf die Flaute der Zeitarbeitsbranche zurückzuführen, die bis zum Herbst 2008 immer noch händeringend nach Personaldisponenten und andere HR-Experten für die temporäre Arbeitsvermittlung suchte.

Für HR-Positionen außerhalb der Zeitarbeit gilt sogar das Gegenteil. So stellte Dr. Lothar Schmidt, Geschäftsführer der Dr. Schmidt & Partner Personalberatung GmbH, im laufenden Jahr keine rückläufige Anzahl offener Personal-Positionen fest: "Gerade die ersten Monate des Jahres waren in dieser Hinsicht extrem spannend. Das HR-Personalkarussel dreht sich in vielen Unternehmen munter weiter", berichtet er. Die Krise bringe vor allem einen ungemein starken Zwang zu mehr Effizienz mit sich. "Es sind also echte Macherinnen und Macher gesucht, die dem Unternehmen effektiv Kosten einsparen und auch harte Entscheidungen durchsetzen können", so Dr. Lothar Schmidt. Für Personaler, die sowieso nach einer neuen Herausforderung Ausschau halten wollen, stelle das eine erfolgsversprechende Chance dar.

Spezialisten-Know-how ist mehr gesucht denn je
Auch Frank Adensam, Inhaber der Adensam Managementberatung, ermuntert dazu, die Stellensuche jetzt nicht auf Eis zu legen. Gerade wenn ein Unternehmen jetzt eine Stelle für einen Personalexperten ausschreibt, macht es das, weil es dieses Know-how wirklich benötigt. Die Gefahr, für eine neue Aufgabe einen sicheren - wenn auch langweiligen - Job aufzugeben, um dann noch mitten in der Probezeit wieder gekündigt zu werden, sei deshalb relativ gering, so Frank Adensam. "Die langfristigen beruflichen Perspektiven sind vielmehr sehr gut", sagt er. Und Dr. Lothar Schmidt ergänzt: "Wer die Herausforderung sucht, wird heute sicher schneller fündig als in wirtschaftlich ruhigem Fahrwasser."

Allerdings sind nicht alle HR-Profile gleich stark gesucht. Recruiting-Spezialisten sind derzeit in den meisten Unternehmen naturgemäß weniger gefragt. Wer jedoch Kenntnisse in der Organisation von Kurzarbeit und Sozialplänen hat, wer Erfahrung beim Interessenausgleich mit Betriebsräten hat und insbesondere wer Experten-Know-how im Personalcontrolling aufweisen kann, gehört zu den gefragten Spezialisten. Auch langjährige Berufserfahrung und Know-how in aktuell nachgefragten Themen sind derzeit besonders gesucht. "Vor allem generalistische internationale Rollen, Rollen mit globalen Verantwortungen und Expertenrollen in den Bereichen Talentmanagement und Compensation & Benefits sind nach wie vor am Markt gefragt", erklärt Heike Gorges, Vorstand der auf die Vermittlung von HR-Experten spezialisierten Personalberatung HRblue, und ergänzt: In Deutschland wird im Moment bei Nachbesetzungen besonders auf Erfahrung im Veränderungsmanagement und in Restrukturierungsthemen Wert gelegt.

Fündig werden im Internet oder mit Headhunter
Darüber hinaus gilt, dass diese neuen Stellen oftmals gar nicht in der Tageszeitung ausgeschrieben werden. Denn es kommt in der Öffentlichkeit schlecht an, wenn im Wirtschaftsteil steht "Das Unternehmen X entlässt Mitarbeiter" und weiter hinten im Stellenteil Suchanzeigen geschaltet sind. Nur rund die Hälfte aller Stellen gelangt deshalb überhaupt zur Ausschreibung. Gerade in der aktuellen Lage suchen die Unternehmen verstärkt per diskreter Direktansprache oder verdeckter Anzeige nach neuen Fach- und Führungskräften. Außerdem hat sich der langjährige Trend, dass sich das Recruiting immer mehr vom Print in den Online-Bereich verlagert, nochmals deutlich verstärkt. Die Experten empfehlen deshalb parallel zur aktiven Jobbörsen-Suche das direkte Zugehen auf Headhunter. Jedoch sollten Personaler, die sich auf der Suche nach einer neuen Perspektive befinden, ihren eigenen Lebenslauf nicht inflationär vermarkten: Je konkreter die Vorstellungen des Kandidaten, desto höher die Erfolgschancen.

Jeden Jobwechsel gut überlegen
Die Personalberater haben noch einige weitere Tipps für den Stellenwechsel bereit. Denn auch in der aktuellen Situation gilt nach wie vor: Jeder Jobwechsel sollte gut überlegt sein. "Von einem Stellenwechsel in der aktuellen Wirtschaftslage ist abzuraten, wenn eine Person derzeit einen wirklich sicheren Job hat und ihr Sicherheit am wichtigsten ist", sagt Heike Gorges von HRblue. Ansonsten empfiehlt sie, sich noch besser über die neue Aufgabe zu informieren, als dies in einer "normalen" Wirtschaftslage der Fall wäre. Stellenwechsler sollten im neuen Unternehmen nach den Prioritäten für die ersten Monate nach Arbeitsantritt fragen. "Könnte ja sein, dass das Unternehmen noch von Krisenthemen geprägt ist und die ursprünglich besprochenen Themen erst später bearbeitet werden können", so Heike Gorges. "So vermeidet man Missverständnisse und eine Enttäuschung nach Arbeitsantritt."

Darüber hinaus rät Heike Gorges dringend dazu, sich die wirtschaftliche Situation des jeweiligen Zielunternehmens genau anzusehen. Personalberater könnten dabei helfen, da sie eine zusätzliche Einschätzung der Unternehmenssituation beisteuern können. Denn die Krise kann oftmals noch zu überraschenden Kehrtwenden bei allen Plänen des Unternehmens führen. Während einige Branchen wenig von der Krise betroffen sind und früher wieder auf Wachstumskurs kommen, werden andere die Auswirkungen der Krise erst im kommenden Jahr voll zu spüren bekommen. Die Gefahr, die neue Stelle bald wieder zu verlieren, ist also weiterhin gegeben - trotz eines glaubhaften Bedarfs des Unternehmens nach einem Personalexperten speziell mit Ihrem Know-how. Denn oft gilt der Grundsatz "Last hired, first fired". Davor warnt auch Dr. Lothar Schmidt: "Wir kennen Fälle, in denen neuen Mitarbeitern bereits wieder gekündigt wurde, bevor sie ihre Stelle überhaupt antreten konnten."
 
Von Christiane Siemann