Grundeinkommen in der Diskussion

In der Krise werden wieder die grundsätzlichen Fragen gestellt: Was ist eigentlich eine leistungsgerechte Bezahlung? Was trägt dazu bei, sich am Arbeitsplatz wohlzufühlen und sich engagiert einzubringen? Ist der berufliche Weg, den ich eingeschlagen habe, überhaupt der richtige? Klare Antworten gibt Götz Werner, 35 Jahre lang Chef der dm-Drogeriekette und bekennender Anthroposoph.

Wer Götz Werner als Redner oder als Teilnehmer von Podiumsdiskussionen erlebt, kann sich des Gefühls nicht erwehren: Dieser Mann weiß, wovon er spricht. Seine Thesen, viel zitiert allein die Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen in Höhe von 1.500 Euro, finanziert durch eine Anhebung der Mehrwertsteuer auf 50 Prozent, werden stets kontrovers diskutiert. Zuletzt äußerte sich Werner auch zu der Frage, was sich als Ergebnis der Krise unbedingt ändern müsse. Seine Meinungen zu Karriere, Vergütung und Führung haben es in sich.

Der Arbeit Sinn verleihen
Grundsätzlich, sagt Werner, solle sich jeder Mensch die für ihn "richtige" Arbeit suchen. Dabei sollte er nicht zuerst nach dem Verdienst fragen oder danach, was seine Eltern wünschen, sondern vor allem seinen innersten Wünschen folgen. "Man stelle sich vor, wie viele junge Menschen dank eines Grundeinkommen von 1.500 Euro einen anderen Beruf ergriffen hätten. Je selbstbestimmter, je individueller wir unser Leben gestalten, desto besser für jeden Einzelnen und für die Menschheit."

Doch die Entscheidung zu einem selbstbestimmten Weg hängt laut Werner von weiteren Faktoren ab. Stiftet meine Leistung jemandem einen Nutzen? Entsprechen meine Fähigkeiten dieser Leistung und entsprechen sie auch meinen Lebensplänen? Ist die Arbeit, die ich mache, also sinnstiftend? Werde die Arbeit auf die Bezahlung reduziert, müsse sie immer an der Sinnstiftung vorbeigehen. "Das große Dilemma in unserer Gesellschaft besteht darin, dass viele Menschen zwar einen Arbeitsplatz haben, tatsächlich ist er aber ein Einkommensplatz. Sie arbeiten nicht wegen der Arbeit und wegen des Kunden, für den Sie arbeiten. Sondern Sie arbeiten dafür, dass Sie ein Einkommen bekommen."

Boni sind Mali
Völlig verwerflich ist für Werner die Praxis der variablen Vergütung, "das permanente Misstrauen in die Leistungsbereitschaft von Mitarbeitern". Sie basiere auf der irrigen Annahme, man könne Mitarbeiter durch Geld motivieren. Tatsächlich sei der Mensch überhaupt nicht von außen zu motivieren, vielmehr ermuntere er sich selbst. Umgekehrt werde er durch äußere Umstände oft demotiviert. Wer Menschen durch Geld zu Leistung ansporne, erreiche lediglich, dass sich Egoismus durchsetze. "Deshalb sind Boni zum überwiegenden Teil eigentlich Mali. Ist der Einzelne auf seinen Vorteil bedacht, schadet er seinem Team und der ganzen Firma", sagt Werner.

Werner, einer der am meisten gefragten Kongressredner in diesen Tagen, appelliert deshalb an Manager und Führungskräfte, ihr Verhalten zu überdenken. Statt unsinnige Zielvereinbarungen zu treffen und sie zudem mit fragwürdigen finanziellen Anreizen zu verkoppeln, sollten sie sich lieber der Entwicklung ihrer Mitarbeiter zuwenden. "Führung sollte sich von seinen bisherigen Leitlinien abwenden. Wer Menschen führt, muss ihnen vor allem einen Sinn vermitteln."
 
Von Josef Bierbrodt