Großraumbüro - Fluch oder Segen?

Die Meinung vieler Arbeitnehmer über das klassische Großraumbüro ist schnell auf einen Nenner zu bringen: Konzentriertes Arbeiten ist dank übermäßiger optischer und akustischer Ablenkung durch die Kollegen kaum möglich. Dazu kommt das Vorurteil, unter ständiger Kontrolle durch den Chef zu stehen und das Gefühl der Geringschätzung, da man kein eigenes Büro bekommt.

Die Vorteile einer zeitgemäßen Anpassung des Arbeitsumfeldes an die geänderten Umstände moderner Arbeitsabläufe liegen auf der Hand. Warum hat das Großraumbüro trotzdem so ein schlechtes Image?

Unzufriedene Mitarbeiter dank Fehlplanung
Zuerst einmal muss man den sehr allgemeinen Begriff "Großraumbüro" in seine unterschiedlichen Formen wie dem Gruppen-, Kombi- oder reversiblen Büro auffächern. Unzufriedenheit entsteht meist dort, wo die Nutzung der Räumlichkeiten nicht ordentlich geplant oder zweckentfremdet wurde. Die Belegung der Büros ergibt sich oft eher zufällig über die Jahre oder aus verschiedensten Zwängen heraus, sodass plötzlich ein Einkäufer mit hoher Telefonfrequenz einem Entwickler mit extremem Ruhebedürfnis gegenübersitzt. Oder die Kaffeemaschine als zentraler und meist eher privater Kommunikationsort steht im Rücken eines Beschäftigten und sorgt dadurch für permanente Ablenkung.

Büroformen und ihre Schwächen
Als Sinnbild für eine klassische Hierarchie gilt immer noch das Zellenbüro, mit standardisierten Abmessungen und erschlossen durch einen langen Mittelgang. Diese Büroform findet sich vor allem bei Ämtern oder privaten Verwaltungen mit viel Kundenkontakt. Der Vorteil der hohen Arbeitsqualität bei einer Einzelbelegung wird aber meist durch eine Doppelbelegung zunichtegemacht, da die Nähe zum Kollegen eine Ausblendung dieses "Störfaktors" unmöglich macht. Daneben verhindern Zellenbüros jede spontane oder direkte Kommunikation und sind besonders unflexibel bei Arbeitsplatzwechseln.

Während das Zellenbüro für klar definierte Sachbearbeitertätigkeiten gut geeignet ist, sollte ein modernes Büro die Entscheidungsstrukturen und die Eigenverantwortlichkeit der Beschäftigten transparent machen. Eine Verbindung von Einzel- und Großraumbüro ist das sogenannte Kombi-Büro, das sich vor allem in Skandinavien durchgesetzt hat. Hier gruppieren sich kleine Einzelbüros mit Außenfenstern um eine Multifunktionszone, die als Pausen- oder Besprechungsraum, Geräte-Sammelplatz oder temporärer Arbeitsplatz genutzt werden kann. Die Einzelbüros sind etwas kleiner als das genormte Zellenbüro und durch versetzbare Wände voneinander getrennt, während das Licht zur Gemeinschaftszone durch große Glasflächen strömen kann. Diese Büroform eignet sich besonders für einen Wechsel von Team- und Einzelarbeit. Das Kombibüro wird von den Beschäftigten auch als sehr angenehm empfunden, da es individuell belüftet und beleuchtet werden kann und durch Schließen der Glastür eine hohe Konzentration ermöglicht.

In Zukunft mehr Flexibilität
Eine Büroform der Zukunft ist das reversible Büro, da Unternehmen erkannt haben, dass durch Urlaub, Krankheit und Abwesenheit der Beschäftigten die Zahl der Arbeitsplätze nicht der Zahl der Mitarbeiter entsprechen muss. Durch äußerst flexibel gestaltbare Räume können die kostenintensive Technik und das Mobiliar geteilt werden, fest zugeordnete Arbeitsplätze fallen weg und der Mitarbeiter sucht sich, mit einer "Grundausstattung" in einem Rollcontainer, seinen freien Platz. Für unterschiedliche Arbeitssituationen stellt das reversible Büro eine Vielfalt an Arbeitsbereichen zur Verfügung: Sitz- und Steharbeitsplätze für wechselnde Arbeitsgruppen, Besprechungsräume für Projektarbeit, Ruheecken oder abgeschirmte Einzelarbeitsplätze.

Da der Arbeitsplatz immer freigeräumt übergeben wird, bleibt den Beschäftigten aber keine individuelle Gestaltungsmöglichkeit und es sind tägliche "Kämpfe" um einen beliebten Platz zu erwarten. Ob der menschliche Wohlfühlfaktor in einem solchen Büro steigt, bleibt fraglich.
 
Von Manuel Boecker