Gesten - Verhängnisvolle Zeichen

Auch das ist Globalisierung: Ständig begegnet man Menschen aus anderen Kulturkreisen. Die Verständigung über Sprache ist schon schwierig genug. Kaum Durchblick herrscht allerdings in der nonverbalen Kommunikation: Eine Geste, die bei uns über jeden Zweifel erhaben ist, kann andernorts ernsthafte Konsequenzen nach sich ziehen.

Zeige- und kleiner Finger ausgestreckt: "Das rockt." Weltweit begrüßen sich Heavy Metal-Fans mit dieser Geste. Auch George W. Bush reckte gern die "Metal Horns", wenn er die Gangway der Präsidentenmaschine hinunter stieg. Freilich hatte er anderes im Sinn: Mit derselben Geste gab sich Bush als Lokalpatriot zu erkennen. Es handelt sich um das Texas Longhorn, eine Rinderart, übrigens auch Maskottchen der University of Texas in Austin.

Nonverbale Kommunikation ist nicht eindeutig
Beispiele dieser Art gibt es ohne Zahl. Ein- und dieselbe Geste kann mehrere Bedeutungen haben. Gefährlich wird es, wenn es sich um Beleidigungen handelt. Wie die oben beschriebene Geste in Spanien: Hinter dem Kopf eines Mannes bedeuten die ausgestreckten Finger, dass ihm seine Frau Hörner aufgesetzt hat. Eine ebenfalls anrüchige Geste ist die flache Hand, die auf die zur Faust geschlossene andere Hand schlägt - zumindest hierzulande.

Anders in Brasilien. Wer sich hier rhythmisch mit der Hand auf die Faust schlägt, signalisiert damit lediglich, dass er sich am liebsten in Luft auflösen würde. "Uups, ich habe da ein Problem." Weniger locker ist man in Südafrika. Ein Türsteher vor einem Club, der so gestikuliert, gibt damit zu erkennen: "Keine Chance. Der Laden ist voll." In Argentinien begegnet man der Geste oft in Meetings: "Schluss jetzt. Genug diskutiert."

Wenn die falsche Geste für Probleme sorgt
Wie verhängnisvoll Gesten sein können, zeigt das Buch von Julia Grosse und Judith Reker, "Versteh mich nicht falsch. Gesten weltweit", anhand zahlreicher Beispiele. So führen die Italiener gern die Fingerspitzen einer Hand zu einer leicht aggressiven Geste zusammen, wenn sie uns sagen wollen: "Was willst Du eigentlich?" Ein Ägypter hingegen führt völlig anderes im Schilde: "Einen Moment, bitte", gibt er uns freundlich zu verstehen.

Ein besonders häufiger Anlass zu Missverständnissen ist das Victory-Zeichen. Was vielerorts strahlenden Optimismus anzeigt, trifft nicht überall auf ungeteilte Begeisterung. Und erneut trat der ehemalige US-Präsident Bush ins Fettnäpfchen. Als er 1992 zu einem Staatsbesuch in Australien eintraf, zeigte er das "V" mit dem Handrücken nach vorn. Was in den Vereinigten Staaten und gewiss auch in vielen anderen Ländern völlig einerlei ist, provozierte "down under" die Volksseele. Dort kommt die Geste einem doppelten Stinkefinger gleich.
 
Von Josef Bierbrodt