Gestatten: Elite

Den faden Nachgeschmack bei der Verwendung des Wortes "Elite" haben Politik und Wirtschaft längst verdrängt. Seit den Neunziger Jahren erlebt der Elitebegriff eine bejubelte Wiederentdeckung als Retter des Standortes Deutschland und seiner Gesellschaft. Die Journalistin Julia Friedrichs hat versucht herauszufinden, wer zur Elite von Morgen zählt und warum.

"Gestatten: Elite" heißt das Buch der Berliner Autorin, in dem sie auf 250 Seiten nach einer Definition des schwammigen Begriffes sucht. Dabei macht sie sich auf eine Reise durch die Republik zu elitären Privatuniversitäten, die mit klassischem Studentenalltag nichts mehr gemein haben, Internaten, deren jährliches Schulgeld einem Mittelklassewagen entspricht, und Kindergärten, die den lieben Kleinen neben Massagen auch einen eigenen Bodyguard bieten. Schnell wird klar, dass Eliteausbildung in den meisten Fällen keine Auswahl der besten, sondern der reichsten Bewerber bedeutet. In mühsamer Sisyphosarbeit versucht die Autorin dem hochbegabten Nachwuchs in unzähligen Gesprächen eine gültige Definition abzuringen, was der Begriff Elite denn nun genau beinhaltet. In den Antworten tun sich die Studenten überraschenderweise genauso schwer wie deren Dozenten, meist bleibt es bei Allgemeinplätzen aus dem üblichen Politikerjargon.

Da wird dann von "Leistungselite" gesprochen, deren Erfolg auf Fleiß und Eigeninitiative basiert, oder der Führungskräftenachwuchs sieht sich selber als "Verantwortungselite", der der Gesellschaft in besonderem Maß dienlich ist.
Erkennbare Floskeln, um das Bestehen einer "Elite" gegenüber der "Masse" zu rechtfertigen.

Soziale Herkunft als Schlüssel zum Erfolg
Etwas handfester und wirklich interessant wird das Buch mit den Aussagen von Michael Hartmann, einem bekennenden linken Professor, dessen Forschungsergebnisse ein wenig nach Verschwörungstheorie klingen, sich aber wohltuend aus dem traditionell konservativen Gerede der Privatstudenten abheben. Nach Auswertung von tausenden von Lebensläufen hat Hartmann herausgefunden, dass nicht die Qualifikation, sondern die soziale Herkunft über Karrierechancen entscheidet. Denn die Entscheider in der Wirtschaft wählen immer den sozial ähnlichen Bewerber aus, sodass die Zahl der Vorstandsvorsitzenden aus dem gehobenen oder Großbürgertum mit etwa 85% ständig gleich bleibt. Für Hartmann gibt es keine pyramidenförmige Karriereleiter, auf der sich jeder nach oben arbeiten kann, er wählt lieber das Bild einer Sanduhr, durch deren engen Flaschenhals nur wenige, und nicht vorrangig die Fleißigsten, den Aufstieg schaffen.
Denn für den Aufstieg gibt es keine nachvollziehbaren Regeln, deshalb besitzen bestehende Eliten an einer konkreten Definition, wer zum Beispiel die Zugangsvoraussetzungen für eine Eliteausbildung erfüllt, kein wirkliches Interesse.

Dabei hatten die Erfinder des Begriffes "Elite" genau das Gegenteil im Sinn. Diderot nennt im 18.Jahrhundert "Elite", nach dem Wort Elire "Auswählen", als Gütesiegel für erlesene Spitzenprodukte. Später forderte das französische Bürgertum Macht und Geld für seine individuelle Leistungsfähigkeit, bis dahin lagen diese Privilegien bei den adeligen Familien. Verunstaltet und missbraucht wurde der Begriff schließlich im Dritten Reich. Der "Führer" zog sich in den nationalpolitischen Bildungsanstalten und in den "Lebensborn"-Programmen seine Führungselite heran. Ende der neunziger Jahre stieg der tot geglaubte Elitenbegriff dann im Zuge des wirtschaftlichen Abschwungs und eines gleichzeitig gesteigerten Patriotismus vom Tabu zu einem Schlüsselwort in der Bildungspolitik auf.
Exkurse wie dieser in die Geschichte oder Soziologie machen das Buch lesenswert und bilden ein Gegengewicht zum stellenweise hohlen Small Talk der Wohlstandskinder.

Die Chance auf etwas tiefer gehende Einblicke in die Welt der Elite verschenkt Julia Friedrichs gleich zu Beginn des Buches, denn ein Jobangebot von McKinsey als Beraterin mit Dienstwagen dient zwar als Aufhänger ihrer Geschichte, doch die Autorin lehnt die Möglichkeit einer hoch bezahlten Insiderrecherche bei den Mächtigen aus Gewissensgründen ab. Schade, denn diese Geschichte hätte für mehr Brisanz gesorgt als die geschilderten Erlebnisse aus der Kreuzberger Wohngemeinschaft.
 
Von Manuel Boecker