Geschichten aus der Business Class

Topmanager Ospel verdient unanständige 12 Millionen im Jahr, der CEO Mädler trifft geschäftliche Entscheidungen in der Nische eines zwielichtigen Nachtclubs und Wirtschaftsführer Schäublin sieht sich selber als die größte Synergie in der nächsten Unternehmensfusion. Was klingt wie Fallbeispiele einer Politikerschelte auf hohe Managergehälter oder die Schimpftiraden eines Gewerkschaftsfunktionärs, auf die Nieten in Nadelstreifen, sind in Wahrheit Figuren aus den Erfolgskolumnen des Schweizer Autors Martin Suter.

Unter dem schlichten Titel "Business Class", sezierte Suter bisher schon in über 700 Kolumnen treffsicher die Verhaltensweisen der Spezies "Manager", angefangen beim Neid der niederen Chargen bis zu den Machtgelüsten der obersten Kader. Ursprünglich als wöchentliche Zeitungskolumne angelegt, füllen seine "Geschichten aus der Welt des Managements" mittlerweile zahlreiche Bücher mit scheinbar harmlosen Titeln, wie "Unter Freunden" oder "Huber spannt aus". Doch die kurzweiligen, meist nur zwei Seiten umfassenden Geschichten sind in der sonst eher literaturfaulen Geschäftswelt längst zu einer kultverdächtigen Institution geworden. Sie bieten bei genauerem Lesen, neben der obligatorischen Schlusspointe, einen tiefen Einblick in das oft neurotische Seelenleben der Managerkaste.

Suter legt mit knapper und geschliffener Sprache offen, wie eine in der Außendarstellung knallharte und rational gesteuerte Branche, von persönlicher Gier, Versagensängsten und eitlen Befindlichkeiten ihrer Protagonisten gelenkt wird. Dass das Ergebnis aber nicht bedrückend, sondern immer amüsant und satirisch leicht überhöht daher kommt, ist der Erzählkunst von Martin Suter und der Liebe zu seinen Figuren geschuldet. Er legt in seine Geschichten eine feine Selbstironie, die sich die beschriebenen Wirtschaftskapitäne in ihren Positionen eigentlich nicht erlauben können oder wollen.

So wendet sich bei Suter das ganze Treten und Buckeln der Karrieristen meist nicht zum Vorteil des Initiators oder endet allenfalls in einer sehr bescheidenen Laufbahn. Und kurioserweise, so Suter, merken die Angesprochenen in den großen Firmen nie, dass genau sie mit all ihren Schwächen gemeint sind. Aber diese Ignoranz ist wohl das Wesen jeder Satire.

Nur die Gattinnen stoßen ihren erkenntnisresistenten Alpha Tieren vielleicht vielsagend in die Seite. Apropos Frauen, sie sind in Suters Kolumnen meist nur dekoratives Beiwerk, geben das Geld der Männer aus, treiben zu neuen Intrigen an und sind ansonsten froh, wenn es bei dem Kerl "mal wieder spät wird". Eine weibliche Vorstandsvorsitzende sucht man in den Storys vergeblich. Leider. Aber nachvollziehbar, denn ein Blick auf die abwechslungsreiche Biographie des Autors zeigt, warum Suter sich so eloquent und kenntnisreich auf dem Parkett der Vorstandsetagen bewegt und die Taktiken der männerdominierten Geschäftswelt beherrscht. Denn bis Anfang der Neunziger Jahre gehörte Suter selbst noch zur Business Class mit Button down und Chronometer. Als hochgelobter Werbetexter und Creative Director einer großen Schweizer Werbeagentur, konnte er sich über zwanzig Jahre in der Beobachtung von Kollegen, Kunden und natürlich eigenen Macken üben und Material für seine zweite Karriere als Schriftsteller sammeln.

Rein äußerlich hat der Schweizer Vielschreiber, dessen fünf Romane bisher alle zu Bestsellern wurden, seine Wurzeln aber nicht abgelegt. Denn in der Öffentlichkeit zeigt er sich meist mit eitel nach hinten gegeltem Haar und perfekt gebundener Krawatte. Ein Outfit, das nicht so recht zu einem "Aussteiger" passen will, der mit Frau und Kindern in Guatemala und Ibiza lebt.

In der südamerikanischen Abgeschiedenheit findet Suter auf jeden Fall die Muße, um die Schweizer Wohlstandsidylle stressfrei und ohne Zeitdruck skizzieren zu können. Denn wie er einer seiner Figuren in den Mund legt, ist Stress für einen Jungmanager noch Stimulans und wird auf oberer Führungsebene sogar gesellschaftsfähig. Aber wenn die Firmenspitze unter Stress leidet, ist sie der Aufgabe nicht gewachsen. Und in die obersten Kader des Literaturbetriebs ist Suter mit den Millionenauflagen seiner Bücher bestimmt vorgedrungen.
 
Von Manuel Boecker