Generation Internet - Millennials im Trend

Als sich Johannes B. Kerner unlängst in seiner Talkshow dem Phänomen "Twitter" zu nähern versuchte, zeigte seine unbeholfene Art allein, wie wenig die Fernsehmacher auf der Höhe der Zeit sind. Kurz darauf erzielte die Piratenpartei, das Sprachrohr der jungen Internet-Gemeinde, bei der Bundestagswahl einen Achtungserfolg. Keine Frage, die Generation der Millennials ist im Kommen.

Kaum ist die Bundestagswahl entschieden, geht es dem Bären ans Fell. Schnell will die CDU weiterregieren wie bisher, König Guido aber nicht. Und die SPD leckt ihre Wunden. Nahezu ausgeblendet von der öffentlichen Debatte ist aber ein Wahlergebnis, das selbst gewiefte Beobachter überrascht: Rund 850.000 Menschen haben der Piratenpartei ihre Zweitstimme gegeben, allein 13 Prozent der männlichen Erstwähler, wie Infratest Dimap ermittelte.

Vorkämpfer der digitalen Ökonomie
Wer in der erst drei Jahre alten Partei bloß ein Sammelbecken einiger Verrückter erkennt, irrt gewaltig. Experten zufolge organisiert sich hier ein intellektuelles Milieu, das womöglich Kern der digitalen Ökonomie von morgen sein wird. Es politisierte sich zuletzt auch deshalb, weil es ein nicht zensiertes Internet durch staatliche Eingriffe im Namen der Sicherheit bedroht sieht. Auch die Wirtschaft kann diese Stimme nicht länger ignorieren - schließlich handelt es sich um ihre nächste Führungskräfte-Generation.

Nachdem die Grünen in den Achtziger Jahren den Finger in die offene Wunde Umweltschutz legten, prangert die Piratenpartei nun die vernachlässigten Bürgerrechte in der digitalen Gesellschaft an. Internet-Sperren, Online-Durchsuchungen und Urheberrechtsverletzungen im Netz sind allesamt Fragen, die von den "etablierten" Parteien nicht hinreichend oder nur halbherzig adressiert werden. "Das muss in der nächsten Legislaturperiode mit mehr Verständnis für die Generation 2.0 angepackt werden", sagt August Wilhelm Scheer, Präsident des IT-Dachverbands Bitkom.

Führungsgeneration von morgen
Für viele mag das zu weit gehen. Hartnäckig hält sich der Glaube, es handele sich schlicht um Computerfreaks, die sich per Kopfhörer von der realen Welt abnabeln und über ihre PC-Tastatur gebeugt nach der kalten Pizza greifen. Diesem Spuk setzte Frank Schirrmacher, Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, erst jüngst ein Ende. "Ihrem Wesen nach sind Nerds Individualisten, die dank der digitalen Technologie die größte Vernetzungsstufe der Menschheitsgeschichte möglich gemacht haben: Vernetzung einzelner Subjekte, die ihren Charakter und ihre Individualität bewahren können und nicht nach ihrem Äußeren beurteilt werden, nicht nach ihrem Geschlecht, nicht nach ihrem Diplomatenkoffer oder ihrer Jute-Tasche. Das macht sie wichtig und notwendig."

Freilich sind nicht alle jungen Leute PC-Freaks, also "Nerds". Junge Erwachsene von heute, die mit dem Internet aufgewachsene Generation der Millennials, stellen neue Ansprüche an Arbeitgeber. Sie wollen ungehindert kommunizieren und sich nicht in tiefgestaffelten Hierarchien von unzähligen Chefs ausbremsen lassen. Viele Unternehmen haben den Vormarsch dieser Leute noch nicht registriert oder nehmen deren Bedürfnisse nicht ernst. Das könnte sich bald bitter rächen.
 
Von Josef Bierbrodt