Gelassen im wilden Durcheinander

Das Genie beherrscht das Chaos befand Einstein, vielerorts ist Unordnung jedoch unerwünscht. Ordnung lässt sich verordnen, Ideenreichtum nicht. Bisweilen genügt ein Blick in Büroräume, um zu erkennen: Hier regiert der Controller, dort ist Daniel Düsentrieb am Werk. Aufgeräumte Schreibtische - Wunschbild effizienter Organisation oder Abbild bürokratischer Leere?

Unsichere Zeiten, nichts bleibt wie es war. Auch im Ratgebermarkt wirft die Globalisierung ihre Schatten voraus. "Die Ordnung im Kopf beginnt auf dem Schreibtisch", "Bermudadreieck Schreibtisch", "Ordnung halten für mehr Erfolg" - mit dem Wunsch, zumindest auf fünf Quadratmeter den Überblick zu behalten, lässt sich anscheinend viel Geld verdienen. Der Schrei nach Ordnung ist nicht zu überhören.

Auch in Unternehmen greift das Ordnungsfieber um sich. Mancherorts gelten sogar "Clean Desk Policies" - jeder Papierstoß ein Indiz für nachlassende Produktivität, hinter jedem Aktenstapel lauert schon der Effizienzkiller. Doch Vorsicht, selbst ernannten Aufräum-Gurus sollte man nicht bedingungslos folgen. Denn hinter Archivierungs-Regeln und Wegwerf-Kniffs verbirgt sich bisweilen nur fragwürdige Ärmelschoner-Mentalität.

Aufräumdoktrinen sind auch Stephan Grünewald zuwider. Der Kölner Psychologe warnt davor, ein Zuviel an Ordnung auf dem Schreibtisch könnte persönlichem Wohlbefinden und Kreativität den Nährboden entziehen. "Die scheinbare Unordnung ist Ausdruck einer gewachsenen Ordnung, in der man sich bestens zu Recht findet." Studien zufolge komme man in selbst errichteten Dokumentenstößen, "dem eigenen Ordnungssystem", wesentlich besser klar als in einem stets aufgeräumten Büro.

Über Nacht auf dem Boden liegen gelassene Unterlagen erleichtern am nächsten Tag, sofort im Bilde zu sein. "Die Lage der Dinge", so Grünewald, zeige klar, wo und wie es weitergeht. Lieber ein kreatives Chaos als wohlgeordnete Langeweile - am Ende also wissenschaftlich abgesichert? Fakt ist: Auf einem leergefegten Schreibtisch findet sich selten eine zündende Idee. Ein bisschen Chaos ist wie Frischluft für die Seele und verleiht der Kreativität Flügel.

Dennoch bleiben Zweifel. "Papierberge", räumt Grünewald ein, "fungieren als Mahnmal, das uns motiviert, sie endlich abzuarbeiten." Sie sind auch "Klagemauer", mit der man sich vor dem Büronachbarn abschottet. "Mit abwieglerischem Pathos", so Grünewald, werde die Bürde der Arbeit bejammert, sobald der Kollege unwillkommene Annäherungsversuche unternimmt. Allerdings trenne selbstdisziplinierende Papieranhäufung und wichtigtuerische Hochstapelei oft nur "ein schmaler Grat". Fazit: Wo Ordnung lähmt, hilft ein wenig Chaos der Bürogemeinschaft wieder auf die Beine.
 
Von Winfried Gertz