Gekündigt? So gelingt der Neustart

Zwei Drittel der deutschen Dax-Konzerne haben seit dem Jahr 2000 ihren Vorstandsvorsitzenden ausgetauscht. Durchschnittlich halten sich Top-Manager nur noch vier Jahre in der Führungsetage. Und auch im mittleren Management weht ein kühlerer Wind. Was passiert mit denen, die gehen?

Exitus der Manager: Noch nie mussten so viele CEOs ihren Hut nehmen. Fast jeder siebte CEO der 2.500 weltweit größten börsennotierten Unternehmen verließ seinen Posten, so eine Studie der Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton für das Jahr 2005. Seit 1995 schnellte die Quote damit um 70 Prozent nach oben. In Europa sank die Zahl der Wechsel gegenüber dem Vorjahr zwar leicht, erreichte jedoch immer noch den zweithöchsten Wert seit 1995. Interessant: Die Zahl der Manager, die wegen zu schlechter Leistung entlassen wurden, stieg zwischen 1995 und 2005 um das Vierfache. Der Grund: Aufsichtsräte haben heute kaum mehr Skrupel, einen schlechten Performer vor die Tür zu setzen. Dazu kommt die große Zahl der Unternehmenskäufe oder Firmenzusammenschlüsse. Laut Booz Allen Hamilton wurden 2005 so viele CEOs aus diesem Grund gefeuert wie seit 2000 nicht mehr. Nur relativ wenige Spitzenmanager, rund 40 Prozent, können ihren Job bis zur Rente retten. 1995 packten noch zwei Drittel aller CEOs erst mit mindestens 62 Jahren ihre Sachen.

Was passiert mit denen, die gehen müssen? Laut Hermann Sendele, Gesellschafter und Partner der Personalberatung Board Consultants International, "finden in Deutschland etwa zwei Drittel aller entlassenen Vorstände wieder eine ähnliche Position." Ging die Kündigung vom Unternehmen aus, könne das durchaus ein bis zwei Jahre dauern. Allerdings gebe es eine Ausnahme, sagte er dem Magazin Harvard Business Manager: "Das sind die Manager über 60. Ich schätze, dass es dort nur noch jedem Zehnten gelingt, nach einer Kündigung ins aktive Management zurückzukehren." Keinen Job mehr zu finden, erst nach langer Zeit wieder einsteigen oder nicht mehr auf gleicher Ebene agieren zu können - das kränkt: Plötzlich ist der volle Terminkalender weg, das Telefon steht still, es gibt kein Budget mehr zu verwalten und keine Aufträge mehr zu vergeben. Viele geschasste Führungskräfte trifft vor allem der "Bedeutungsverlust" schwer, so Brigitte Scheidt, die als Psychologin und Coach in Berlin arbeitet. Je mehr Manager ihre Identität auf Arbeit und Leistung gründen, desto tiefer trifft der Schock, wenn Leistung und Arbeit plötzlich nicht mehr gefragt sind. Oftmals muss auch der Lebensstandard zurückgeschraubt werden: Wer zwei Jahre nichts verdient, kann sich teure Urlaube, teure Hobbys und Privatschulen für die Sprösslinge nicht mehr unbedingt leisten. Auch das nagt am Selbstbewusstsein.

Was können Manager tun, die plötzlich auf der Straße stehen? Erstens: Den Tatsachen ins Auge sehen. Zweitens: Die Gründe für den Rauswurf analysieren. Und drittens: Weiter machen. Es ist nicht angenehm, die Fakten auf den Tisch zu legen, aber notwendig: Wer sein Scheitern herunterspielt, die Verantwortung einem anderen in die Schuhe schiebt oder es sich in der Position des Opfers gemütlich macht, kommt nach dem Schlag nicht mehr hoch. Warum kam es zur Kündigung: Waren es Machtspiele, Managementfehler (vielleicht sogar durch einen Hang zur Selbstüberschätzung oder durch nachlassenden Realitätsbezug?) oder ein wackeliges Wertegerüst (sprich: Geschäfte im Grenzbereich der Legalität?) Wer die Gründe versteht, erschließt sich eine Quelle des Erfolgs, der Innovation und der Entwicklung - davon ist Dr. Hans-Jürgen Stöhr überzeugt, der im September 2005 in Rostock die "Agentur für gescheites Scheitern" gegründet hat. Entscheidend ist der dritte Schritt: Weiter machen. Personalberater Sendele plädiert dafür, drei bis fünf Unternehmen sorgfältig auszusuchen, gezielt und persönlich Kontakt aufzunehmen, und sich mit fünf bis acht Personalberatern in Verbindung zu setzen. Jetzt eine lange Weltreise zu unternehmen, sei ein Kardinalfehler. Wer sich dünne macht, wird schnell abgeschrieben. Wichtig: Auch wenn Topmanager das nicht mehr gewöhnt sind - sie müssen Hausaufgaben erledigen. Dazu gehört die genaue Analyse der Geschäftsberichte jedes kontaktierten Unternehmens. Und ein differenziertes, klares Erklärungsmodell für die eigene Kündigung. Im Idealfall wird dies zu PR in eigener Sache: schließlich lebt jede gute Heldengeschichte nicht nur vom strahlenden Triumph, sondern auch von harten Bewährungsproben und schweren Rückschlägen.
 
Von Anne Jacoby