Gehaltserhöhung 2010: Was kommt auf Personaler zu?

Die Spielräume sind eng und die Begehrlichkeiten groß. Es ist ein Ritual: Jedes Jahr schauen AT-Mitarbeiter und Leitende auf ihr Einkommen und äußern ihre Wünsche, Forderungen oder Bitten. Wie können Arbeitgeber reagieren, wenn Mitarbeiter in diesem Jahr mehr Geld sehen wollen?

Die Tarifrunden beginnen landauf und landab, erste Abschlüsse bewegen sich zwischen 1,9 und 4 Prozent. Die Industriegewerkschaft Metall geht mit gutem Beispiel voran und zieht ohne konkrete Forderung in die Verhandlungen - eine absolute Neuheit, die der gegenwärtigen schwierigen Wirtschaftssituation geschuldet ist. Doch die AT-Mitarbeiter und leitende Angestellte werden nach Einsparungen im vergangenen Jahr auf Erhöhungen hoffen. Denn 2009 wurden in vielen Betrieben Gehälter eingefroren oder es waren sogar Gehaltskürzungen notwendig. "Es ist jedoch davon auszugehen, dass die Mitarbeiter im AT und leitenden Bereich eher 'defensiv' um eine Gehaltserhöhung kämpfen. Die schwierige Ausgangslage dürfte ihnen bewusst sein, und ein sicherer Arbeitsplatz ist vielen derzeit lieber als mehr Gehalt", berichtet Professor Karl-Friedrich Ackermann, Geschäftsführer ISPA-Consult.

Leistungsträger können mit mehr Gehalt rechnen
Mit relativ limitierten Budgets vermögen viele Unternehmen jedoch keine umfangreiche Gehaltsrunde für alle Mitarbeiter zu fahren. Trotzdem wird in Einzelfällen das Personalmanagement nicht um eine Erhöhung herumkommen. Wenn beispielsweise Leistungsträger mit Weggang drohen und genau ihre Profession auf dem Arbeitsmarkt schwer zu rekrutieren ist, oder wenn außerordentliche Ergebnisse eingefahren wurden.

"Die Mehrzahl der Unternehmen wird sich bei den Gehaltssteigerungen auf die erfolgskritischen Funktionen und hier generell auf die Top-Leistungsträger beschränken", so Martin Hofferberth, Senior Consultant und Vergütungsexperte bei Towers Watson: "Diese Praxis hat sich in den letzten Jahren kontinuierlich verstärkt und immer weiter durchgesetzt, wenngleich nun nach der Krise bei dem einen oder anderen Unternehmen zu beobachten ist, dass dieses Prinzip der Leistungsfokussierung etwas lockerer gehandhabt wird." Hintergrund sei, dass in den vergangenen Jahren viele Mitarbeiter bei der Vergütung zurückstecken mussten und nun auch in der Breite bei den Vergütungen etwas aufgeholt werden soll.

Entgeltprognosen - keine eindeutigen Aussagen
Die Prognose des Vergütungsexperten: Die Lohnrunde 2010 wird basierend auf der immer noch angespannten wirtschaftlichen Lage moderat ausfallen. Insgesamt kalkulieren die Unternehmen bei den Grundgehältern mit Steigerungsraten von durchschnittlich 1,5 bis 2 Prozent. Dabei gibt es Branchen, die weniger getroffen sind, wie die Pharma-Branche. Beispielsweise die Logistik-Branche leide jedoch wesentlich stärker. "Mehr Spielraum gibt es, wenn der Anteil leistungsabhängiger Vergütungsbestandteile im Vergleich zum Festentgelt ausgeweitet werden kann. Und dieser Trend setzt sich im AT-Bereich fort", so Professor Karl-Friedrich Ackermann.

Ein anderer Weg ist: Neben den geringeren, regulären Grundgehaltserhöhungen auch anlassbezogene Einmalzahlungen als beliebtes Instrument der Mitarbeiterbindung einzusetzen. "Diese Zahlungen - nicht zu vergleichen mit den jährlichen, erfolgsbezogenen Boni - generieren zwar kurzfristig Aufwand, tragen aber dazu bei, mittel- und langfristig die Personalkosten stabil zu halten. Beispiele für eine solche Einmalzahlung wären die Belohnung für überdurchschnittliches Engagement in einer Krisensituation oder in einem speziellen Projekt", erläutert Martin Hofferberth.

Ebenfalls nur gering ansteigende Gehälter für 2010 prognostiziert Kienbaum. Danach müssen leitende Angestellte sogar mit sinkenden Bezügen rechnen. Dies liege vor allem daran, dass die Unternehmen bei Boni und anderen variablen Gehaltsbestandteilen kürzen. Aber die Gehälter in der Internet- und Newmedia-Branche sollen trotz Wirtschaftskrise teilweise im zweistelligen Prozentbereich steigen. Die Internetwirtschaft zeigt damit eine gegenläufige Entwicklung zu vielen anderen Branchen, so die Ergebnisse des "Gehalts- und Karrierevergleichs Digitale Wirtschaft 2010" der Unternehmensberatung Dr. Büsching. Danach gilt für Fach- und Führungskräfte im Onlinemarketing, Multimedia, E-Commerce und anderen Medienkonvergenz-Märkten, dass der sich verschärfende Fachkräftemangel die gute Verhandlungsposition der Arbeitnehmer in diesen Bereichen stärkt.

Perspektive statt Geld
Doch wie können Arbeitgeber gleichzeitig Personalkosten begrenzen und Talente halten? Trotz kritischer Ausgangslage sollten Vorgesetzte berücksichtigen, dass sich hinter der Gehaltsforderung oft das Bedürfnis nach Wertschätzung versteckt. Ganz ohne "Benefit" sollten engagierte Mitarbeiter nicht abgespeist werden. Professor Karl-Friedrich Ackermann: "Eine längerfristige Bindung an Unternehmen kann beispielsweise durch eine Erfolgs- und Kapitalbeteiligung gelingen. Beschäftigte zu Mitunternehmern zu machen, zahlt sich meistens aus." Des Weiteren werden die Personalabteilungen in diesem Jahr verstärkt an Personalentwicklungsmaßnahmen arbeiten. Spezialisten, wichtigen Führungskräften und Top Performern sollten Karriereperspektiven und Entwicklungsmöglichkeiten aufgezeigt werden. "Das Thema Fachkarriere gewinnt gerade mit der Krise im Rücken weiter an Bedeutung", betont Martin Hofferberth. Da sich nicht jeder gute Mitarbeiter zwangsläufig in eine Management-Position entwickeln wolle, und die Hierarchien in den Unternehmen immer flacher werden, gewinne die Projektkarriere an Bedeutung.

Auch Personalentwicklungsmaßnahmen sind eine "Entschädigung" für eine ausbleibende Gehaltserhöhung. Es muss durchaus kein kostspieliges Seminar in Davos sein, auch hier zählt Augenmaß und das vorhandene Budget. Arbeitgeber sind auf jeden Fall gut beraten, den Wunsch nach mehr Geld nicht oberflächlich mit "Krisenbegründung" abzuschmettern, sondern dem Mitarbeiter nachvollziehbar und transparent Begründungen zu liefern, mit offenen Karten zu spielen und auch aufzuzeigen, wie sich das Unternehmen in der jetzigen Situation aufstellt. Geschäftspläne und Unternehmensstrategie glaubhaft kommuniziert, binden Mitarbeiter eher als Versprechungen, die 2011 nicht eingelöst werden.
 
Von Christiane Siemann