Führungsnachwuchs vor dem Absprung

Unternehmen lassen ihren Führungsnachwuchs ins Leere laufen. Wie neue Studien zeigen, lassen sich Young Professionals mangelnde Karriereperspektiven nicht länger gefallen. Vorgesetzten, die sich im Ton vergreifen oder ihre Führungsaufgaben vernachlässigen, zeigen sie die Rote Karte.

Wie das Beratungsinstitut Trendence in einer Umfrage unter 4.000 jungen Nachwuchskräften ermittelte, will jeder zweite Befragte in Kürze den Arbeitsplatz wechseln. Die jungen Ökonomen und Ingenieure beklagten sich vor allem über unprofessionelle Vorgesetzte sowie unbefriedigende Entwicklungschancen. Nach Angaben von Trendence würde der hochqualifizierte Nachwuchs seine Karriere viel strategischer planen als früher. An die Arbeitgeber würden deutlich höhere Anforderungen gestellt.

Weiterentwicklung schafft Mitarbeiterbindung
Die Studie korrespondiert mit einer weiteren Untersuchung von Watson Wyatt. Die amerikanischen Unternehmensberater gingen jüngst der Frage nach, wie sehr geldwerte Nebenleistungen, die sogenannten Benefits, von Mitarbeitern geschätzt werden. Überraschendes Ergebnis auch hier: Der Wunsch sich beruflich weiterzuentwickeln wird zu wenig berücksichtigt. Nach wie vor sind Unternehmen der Überzeugung, mit rein monetären Leistungen attraktiv genug zu sein für die begehrten Fach- und Führungskräfte.

Arbeitgeber stehen mehr denn je auf dem Prüfstand. Sie sind zunehmend konfrontiert mit Bewerbern, die wohlfeile Versprechungen durchschauen und sich ihres Marktwerts bewusst sind. Aber auch bei ihrem Stammpersonal rumort es: Sobald sich eine Chance ergibt, neigen immer mehr zum vorzeitigen Absprung. Kurz: Mitarbeiterbindung scheint in vielen Firmen noch ein Fremdwort zu sein.

Berufliche Weiterbildung und gute Arbeitsbedingungen sind wichtiger als Geld
Wie Watson Wyatt bei der Umfrage unter 8.500 Mitarbeitern deutscher Unternehmen herausfand, steigt die Attraktivität von Arbeitgebern nicht an, weil sie die Spendierhosen anziehen. Geldwerte Benefits wie Vorsorgesparpläne, Versicherungen, Firmenwagen und der Blackberry nimmt man zwar gern mit. Allerdings geben sie nicht den Ausschlag, ob jemand einen Arbeitsvertrag unterschreibt oder sich längerfristig bindet.

Deutlich wichtiger ist dem Nachwuchs, ob der Arbeitgeber das berufliche Fortkommen unterstützt, eine flexible Arbeitsgestaltung ermöglicht und hilft, den anstrengenden beruflichen Alltag mit privaten Interessen und Verpflichtungen in Einklang zu bringen. Kurz: Fette Kohle ist kein Lockmittel mehr. Und darauf sollten sich Unternehmen, die auf absehbare Zeit dem Krieg um Talente nicht ausweichen können, schleunigst einstellen.

"Ein noch so attraktives Gehalt schützt nicht vor Frust und Burnout, wenn geschuftet wird, bis der Arzt kommt, weil Firmen ihre Talente verheizen wie billige Ressourcen. Gefragt sind vielmehr Arbeitsbedingungen, in denen sich Mitarbeiter wohlfühlen und wo sie sich auch verstärkt einbringen wollen. Firmen müssen gegenüber Bewerbern Farbe bekennen. Die Zeit des Lamentierens ist definitiv vorbei.
 
Von Max Leonberg