Führungskräfte mit Kommunikationsdefizit

"Endlich Chef sein", freuen sich Nachwuchskräfte, die auf der Karriereleiter nach oben geklettert sind. Plötzlich werden erfolgreiche Verkäufer oder gewiefte Techniker zur Führungskraft und sollen ihren Kollegen Vorbild sein. Nicht selten folgt der Freude die bittere Erkenntnis: Offen zu kommunizieren und Mitarbeiter zu motivieren fällt mir einfach schwer.

Führungsaufgaben ohne hinreichende Vorbereitung zu übernehmen ist wie ins kalte Wasser geworfen zu werden. Damit sind die meisten Vorgesetzten schlichtweg überfordert. Aber wer lehnt sich schon auf? Schließlich wird Führungskräften einfach unterstellt, neben ihren fachlichen Aufgaben auch die zwischenmenschliche Herausforderung souverän meistern zu können. Dass man mit mangelnder Vorbereitung auch betriebswirtschaftlich betrachtet nicht zu Spitzenergebnissen beitragen kann, wird einfach ignoriert.

Dabei ist die Bedeutung führungs- und kommunikationsstarker Vorgesetzter unbestritten. Welche positive Auswirkung "ideale Chefs" haben, ermittelte zum Beispiel Dieter Frey, Professor für Wirtschafts- und Sozialpsychologie an der Universität München. Demnach könnten viele Führungskräfte durch überzeugende Kommunikation und Motivation die Produktivität der Beschäftigten um "20 bis 50 Prozent steigern". Umgekehrt kommen Geheimniskrämer ihren Arbeitgebern teuer zu stehen. Denn durch zusätzliche Rückfragen, unnötige Diskussionen und unvollständige oder doppelte Ausführungen werden Unternehmensergebnisse erheblich beeinträchtigt.

Die vermeidbaren Kommunikationskosten, heißt es in weiteren Studien, liegen schon bei mittleren Unternehmen jährlich im siebenstelligen Bereich. Freilich ist das den Verantwortlichen nicht bewusst, lieber gehen sich die Akteure in der Wirtschaft aus dem Weg. "In vielen Unternehmen herrscht bei der internen Verständigung eine erschreckende Frustration", sagt Lothar Rolke, Kommunikationsforscher an der Fachhochschule Mainz.

So ist es nicht verwunderlich, wenn Beschäftigte flugs eigene Verständigungsformen praktizieren. Etwa den Flurfunk: Zwei Drittel der Mitarbeiter von deutschen Firmen, fand das Beratungsunternehmen ISR in einer Umfrage heraus, erfahren wichtige Neuigkeiten über den Flurfunk und nicht von ihren Vorgesetzten. 80 Prozent der zwischenmenschlichen Konflikte in Betrieben, kalkuliert die Schweizer IFF Dr. Frey GmbH, sei durch mangelhafte Kommunikation zwischen Führungskräften und Mitarbeitern verursacht.

Gründe, warum Spannungen wachsen und die Unternehmenskultur in bedrohliche Schieflage gerät, gibt es zuhauf. Oft geht es in den Betrieben ums Eingemachte. Hier werden Arbeitsplätze zur Disposition gestellt, dort kochen Emotionen hoch, wenn der Betrieb als Übernahmekandidat gehandelt wird. Steuert das einstige Miteinander schnurstracks aufs Gegeneinander zu, brennt es lichterloh. Nun zeigt sich, wie "stark" Führungskräfte tatsächlich sind. Das fand die Unternehmensberatung DDI unter 4.500 Führungskräften heraus: Ihnen geht es weniger um Teamorientierung oder Motivationsgabe. Respekt verschaffen sie sich vielmehr durch Ergebnisorientierung und das Vermögen, hart durchzugreifen.

Naiv nach Harmonie zu streben, diese Alternative taugt in Umbruchphasen ebenso wenig wie der Glaube an Mythen. Weder lässt sich Kreativität durch finanzielle Anreize anspornen, noch ein höheres Leistungsniveau durch Zeit- oder Konkurrenzdruck abrufen. Wo solche Erwartungen geschürt werden, laufen Leistungsträger nur in Scharen davon. Doch was verspricht Entlastung für überforderte Führungskräfte, wenn sie schon keine Zeit haben, die Schulbank zu drücken? Manche Firmen führen regelmäßig Mitarbeiterumfragen durch, deren Ergebnisse in die Zielvorgaben der Vorgesetzten einfließen. Auf Kommunikationscontrolling schwört hingegen Hochschullehrer Rolke. Durch Einsatz von Medienresonanzanalysen, Scorecards und Cockpits ließe sich zeigen, wie gut die Kommunikation auf verschiedensten Kanälen funktioniere und welche Wertschöpfung durch sie erzielt werde. Einige Betriebe verfolgen lieber den harten Kurs: Vernachlässigt eine Führungskraft die Aufgabe, offen zu kommunizieren und Mitarbeiter zu motivieren, gibt es von oben eins auf den Deckel.
 
Von Winfried Gertz