Formvollendet - Business-Etikette heute

In Sachen Benimm herrscht Verunsicherung: Die alten Regeln für Damen und Herren haben ausgedient - neue müssen her. Denn Führungskräfte schaden ihrer Karriere, wenn sie heute noch Lady oder Gentleman spielen.

Wer schon als gescheitelter Knirps mit den Benimmregeln alter Schule geschliffen wurde, steht heute im Geschäftsleben genauso ratlos da wie jemand, der den Knigge erst anlässlich seiner Beförderung zur Kenntnis genommen hat. Denn mit diesen Regeln gibt es zwei Probleme. Erstens: Sie galten in einer Welt, in der es echte Damen und Herren gab - und diese Welt existiert heute höchstens noch in der Phantasie von Benimm-Lehrern. Und zweitens: Die Umgangsformen der Ladys und Gentlemen eignen sich nicht für das Geschäftsleben. Sie sind auf Menschen zugeschnitten, die Arbeit nicht nötig hatten. "Die Dame fordert nichts und erhält alles. Deshalb muss sie keinen Ehrgeiz und keine Ellebogentechniken entwickeln", beschreibt der äthiopische Unternehmensberater Asfa-Wossen Asserate in seinem Buch über europäische Manieren. Zu einem Aufstieg vom Trainee zur Abteilungsleiterin wäre die Dame also nicht in der Lage. Genauso der Gentleman: Er habe ein wenig schüchtern zu sein, findet Asserate. Und Dirk Pfister, Autor eines Business Knigge für Männer, merkt an: "Ein Gentleman betrachtet sich niemals als Mittelpunkt der Aufmerksamkeit." Sein Ziel sei es vielmehr, das Leben für seine Mitmenschen einfacher zu gestalten. Auch diese Figur wird heute keine Karriere machen.

Im Business haben sich neue, pragmatische und vor allem geschlechtsneutrale Umgangsformen durchgesetzt. "Die alte Regel, die Dame entscheide über den Handschlag, ist passé", weiß Elisabeth Bonneau, Kommunikationstrainerin und Expertin für Knigge-Fragen. Heut gilt: "Wer den anderen sieht, grüßt zuerst." Im Zweifelsfall entscheiden die Rangverhältnisse, und wenn die unklar sind, das Alter. Immer gilt: Ein Gastgeber - ganz gleich ob Mann oder Frau - reicht den Gästen die Hand.

Auch das Procedere des Vorstellens sollte heute geschlechtsneutral ablaufen. Grundsätzlich erfährt die wichtigere Person zuerst, um wen es sich handelt: Und das ist nicht mehr die Dame, sondern der oder die Vorgesetzte, der Kunde oder die Kundin, der oder die Eingeladene.

Die Geschlechtsneutralität gilt heute auch für das Aufhalten von Türen. Grundsätzlich öffnet die Person die Tür, die einer anderen Wertschätzung signalisieren will. So wird eine Bankerin ihrem Kunden die Tür zum Besprechungsraum öffnen, für ihn aufhalten, hinter ihm schließen. "Ist der Kunde ein Kavalier der alten Schule, wird er diese Vorzugsbehandlung allerdings nicht aushalten", räumt Etikette-Trainerin Bonneau ein. Er wird der Dame die Ehre erweisen wollen und ihr die Klinke aus der Hand nehmen. Das muss der Beraterin aber keinen Zacken aus der Krone brechen: "Die Klügere blickt durch und lässt den Herrn gewähren", findet Bonneau. Falls sie vermutet, dass er sie auf eine untergebene Rolle reduzieren will, sollte sie aber mit den freundlichen Worten "Sie sind mein Gast!" bei ihrem geplanten Verhalten bleiben.

Auf der Treppe "steigt er stets als erster und folgt ihr beim Hinabsteigen, um ihr die Beunruhigung zu ersparen, er könne einen Blick auf ihre Knöchel werfen" - beschreibt Manieren-Kenner Asfa-Wossen Asserate die traditionelle Methode. Falls die Dame beim Abstieg stürzte, hätte er sie sogar selbstlos auffangen können. "Diese Regel ist genauso passé wie alle anderen, die die Polarität Dame-Herr hoch halten", räumt Knigge-Trainerin Bonneau auf. Heute gehen Sie als Gastgeber oder Dienstleister immer unterhalb der anderen Person.

Dass eine Frau einem Mann in den Mantel hilft, ist auch heute noch ungewöhnlich. Umgekehrt ist es noch immer ein schöner Brauch, den nach Einschätzung Bonneaus keine Frau ablehnen muss, wenn sie als Geschäftspartnerin ernst genommen werden will. Allerdings steht es jedem Manager frei, ob er den Manteldiener markieren möchte oder eben nicht. Bonneau: "Es wäre unfair, als Frau tagsüber einem Mann kräftig auf die Füße zu treten und am Abend zu verlangen, dass er zum Herrn mutiert und einen Diener vor ihr macht."
 
Von Anne Jacoby